Warten darauf, dass nichts passiert

Gestern habe ich vier Bier getrunken, weil ab einer gewissen Uhrzeit politische Debatten mehr als Kaffee brauchen. Heute bin ich trotzdem halbwegs früh aufgestanden. Ich versuche, mich langsam daran zu gewöhnen. Endlich ist es so weit, dass ich sagen kann: Bald fängt mein Arabisch-Intensivkurs an. In einer Woche nämlich, kurz nachdem Fe. und ich in unsere neue Wohnung gezogen sind. Big News! Unser Nest in Bobohausen.

Vor zwei Tagen waren wir bei Carrefour, einem französischen Alptraum von Supermarkt, in dem man neben Bodenwischgeräten auch zuckerlrosa Decken kaufen kann, von denen man nur hoffen kann, dass man darunter nicht friert. Moudy, der Hausmeister unseres neuen Hauses ist sehr freundlich und kümmert sich umgehend um Anliegen wie Türen, die nicht schließen, bringt einen Herd und einen Heizstrahler, der mit etwas betrieben wird, das „Kaz“ genannt wird.

Ich werde jetzt mein eigenes Bad haben. Zwei Szenarien sind möglich: Entweder es wird das schönste Privat-SPA, das ich je bewohnt habe, oder es wird ein versifft staubiges Bad, wo Haare und Seifenreste im Waschbecken hängen und wo ich in der Früh meine Katzenwäsche erledige, bevor ich mich zum Arabischkurs schleppe, ohne meine Hausübung erledigt zu haben. Die Dusche kann man schon lange nicht mehr benutzen, weil das Wasser nicht mehr abläuft und wenn sie nicht daheim ist, gehe ich auf Fe.s Klo, weil es da sauberer ist.

Lange Pausen befeuern mein Schwarz-Weiß-Denken. Eben zum Beispiel: Entweder unsere neue Wohnung wird ein rosa-goldenes kleines Biedermeierparadies, oder es wird eine verrauchte Höhle, in der sich des Nachts gegen Fe.s Willen dubiose langhaarige Menschen einfinden, um den Umsturz vorzubereiten. (Welcher Umsturz das sein soll, ist ja für Hobbytheoretiker bekanntlich zweitrangig.) Seit einem Monat bin ich im Standby-Modus. Ich warte darauf, bei Sijal anzufangen und habe meine Arbeit aufgegeben. Kurs, Praktikum und Deutschunterricht zusammen sind mir doch zu steil.

Also lese ich, was das Internet so hergibt und schaue mir dazwischen Videos philosophischer, sozialistischer, neurowissenschaftlicher oder auch weniger intellektueller Youtube-Kanäle an. In Wahrheit lande ich relativ oft bei „Die zehn lustigsten Tiere!“ oder „Diese Lifehacks werden dich begeistern!“.

Dazwischen denke ich darüber nach, was ich auf verschiedene Argumente von links erwidern kann. Obwohl oder weil mir näher, geht von links eine ordentlich verunsichernde Kraft aus. Was kann ich sagen zu dem Argument, dass wir fürchten, in der Revolution könnten Menschen sterben, während ohne die Revolution täglich Menschen sterben? Dass man ein Menschenleben nicht gegen ein anderes abwägen kann?

Wenn man hier wohnt, merkt man schnell, dass Jordanien ein großer Stützpunkt für NGOs ist. Wenn man als Expat keinen Weltverbessererjob hat, ist man fast schon die Ausnahme.

Wie repräsentativ die Meinung von Leuten ist, die sich in meinem direkten Umfeld bewegen, ist fraglich bis unwahrscheinlich. Aber es gibt Stimmen, die die Präsenz von NGOs verurteilen, weil sie den Status Quo fortsetzen, anstatt tatsächlicher Veränderung Raum zu geben. Sie geben den Leuten genug, um stillzuhalten und ihr Schicksal nicht selbst in die Hand zu nehmen und sie halten Jordaniens Wirtschaft abhängig von milden Gaben. Diese milden Gaben kommen zu einem Großteil aus den USA, Saudi-Arabien und Europa. Das bedeutet zum Beispiel, dass eine schärfere Linie Israel gegenüber politisch unmöglich ist. Das würden sich hier viele Menschen wünschen.

Ich möchte damit nicht sagen, dass ich dieser Ansicht zustimme. Aber ich habe in letzter Zeit ein bisschen darüber nachgedacht, wie sogenannte „gute Taten“ und Ideen wie „soziale Marktwirtschaft“ mit der Erhaltung eines nicht allzu schlechten, aber auch nicht allzu guten Zustandes zusammenhängen, der sich jedoch nie darum bemüht, letztlich eine Utopie zu verwirklichen, die man für tatsächlich „gut“ und nicht nur für „nicht so schlimm“ hält.

Im Sinne von: Wieso bringen wir im Bus Kameras an, die sexuelle Belästigung verhindern sollen, anstatt dass wir uns um eine Gesellschaft bemühen, die auf gegenseitigem Respekt aufgebaut ist? Warum bekämpfen wir Symptome anstatt Ursachen?

Die einfachste Antwort ist: Weil die große Revolution zu schwierig und zu gefährlich ist. Weil diese Art von Revolution schon oft genug übel schiefgegangen ist. Ich glaube, es gibt noch eine zweite Dimension. Ich glaube, dass das Warten auf die Utopie (Wer weißt, ob sie kommt? Und wer weiß, ob ich sie mag, wenn sie da ist?) eine andere Art ist, die Hände in den Schoß zu legen. Wartet man darauf, dass sich mit der Selbstabschaffung des Kapitalismus auch Gier und Egoismus abschaffen und damit alles, was uns Menschen trennt? Nur ist der Kapitalismus erfahrungsgemäß recht selbstabschaffungsresistent, weil sein Scheitern systemimmanent ist. Zweitens glaube ich zwar daran, dass der Mensch gut ist. Aber nicht daran, dass es eine natürliche Dynamik des Guten gibt – dass sich also alles zum Guten wendet, wenn man es nur lässt. Das haben die Kommunisten geglaubt, und das glaubt auch die neoliberale Wirtschaftstheorie. Ich glaube ihnen beiden nicht, dass ein allumfassender Lösungsansatz zwangsläufig zur allumfassenden Lösung führt.

Ich glaube, dass es unerlässlich ist, das kleine Übel zu bekämpfen. Damit meine ich nicht: Das kleine Übel zuerst. Oder: Ausschließlich das kleine Übel. Ich meine, auch das kleine Übel. Ich möchte nach der sozialistischen Weltrevolution keinen hören, der sagt: Ach, die Frauen, die haben wir ja ganz vergessen. Tja. Ach, Rassismus gibt’s immer noch. Hoppla. Klar, das kann einem überzeugten Kommunisten zufolge nie passieren. Aber der Glaube an den natürlichen Verlauf der Dinge hin zum Guten ist ein antiquiertes Konzept, dem ich nicht geschuldet haben will, sollte furchtbar schieflaufen, was als hoffnungsvolles Projekt begonnen hat. Oder sagen wir: als Utopie.

Ausverkauf! Letzter Titel im alten Jahr!

Ich war spazieren. Dabei bin ich an dem kleinen Kreisverkehr bei uns in der Nähe vorbei gekommen. Auf dem kleinen Kreisverkehr stand ein großes Auto. Ein sehr großes Auto, in meinen Augen fast ein Panzer. Auf dem sehr großen Auto war eine große Waffe montiert und zwei dazu passende Männer in Uniform inklusive Beduinenturban. Königstreue Kampfvasallen also, die in unserem eher besseren Viertel fehlplatziert wirkten. Ganz besonders auf dem kleinen Kreisverkehr, wo wohl nie etwas passiert, das ihre Anwesenheit rechtfertigen würde.

Später in der Stadt dasselbe Bild. H. hat mir erklärt, dass die beturbanten Männer die letzte Stufe vor dem Militäreinmarsch seien. Ihr Auftauchen deute entweder darauf hin, dass eine Revolution kurz bevor stünde. Oder Terror. Oder Silvester. Trotz der Proteste, die es in den letzten Wochen in Amman gab, ist Silvester die naheliegendste Option.* Österreich hat noch eineinhalb Stunden Zeit, ich nur mehr eine halbe. H. hat von silvesterlich außer Rand und Band geratenen Jungmännern gesprochen. So sehr mir die Idee auf eine krude Weise gefällt, Grabscher einfach nieder zu schießen, so ineffizient scheint mir die Methode.** Außerdem  scheinen Jordanier und Jordanierinnen leidenschaftlich gerne schlecht von den Jordaniern zu sprechen, ein Bild, das sich nicht bestätigt hat. Aber vielleicht bin ich einfach ausnahmslos von Ausnahmen umgeben.

Ein bisschen haben die Polizisten mit ihren riesigen Hummers auch an Schrecken verloren, nachdem ich sie heute im Supermarkt getroffen habe, wo sie auf sehr höfliche Weise eine Packung Erdnüsse erstanden haben. Aber man soll sich von so Nussknackern auch nicht täuschen lassen. Ich bin zur Sicherheit zu Hause geblieben, wahlweise in der Küche einen halben Meter vor der Heizung, die mich von links grillt oder im Bett, die beiden halbwegs warmen Orte in der Wohnung. Ich werde mir morgen berichten lassen, was die Hummermänner in der Silvesternacht so getrieben haben. Dazu trinke ich Gin Tonic ohne Eis und Selbstmitleid. Alles in allem auf persönlicher Ebene ein erfolgreiches Jahr. Schief gegangen sind eigentlich nur die Sachen, für die ich nichts kann. Wie unsere Bundesregierung, die ich nicht gewählt habe und für die ich mich immer schon prophylaktisch entschuldige. Die Jordanier/-innen wissen zwar oft nicht, dass man in Österreich Deutsch spricht, aber den Ohrenbasti können wir uns nicht so leicht wie den Hitler vom Revers wischen.

Die Vanillekipferl, die ihren Weg aus Österreich bis nach Amman gefunden haben, waren übrigens ein großer und sehr kurzlebiger Erfolg. Um geschickt auf ein freudiges Thema zu lenken.

Mein einziger Vorsatz für dieses Jahr ist, keine Vorsätze zu machen. Schwerer als gedacht. Was ist verlockender, als endlich doch noch vielleicht wenigstens ein bisschen besser zu werden… Auf der anderen Seite habe ich genug damit zu tun, mich so zu managen, wie ich jetzt schon bin. Wo soll ich denn das im neuen Jahr potentiell genutzte Potential hinmanagen?

Ich freue mich schon sehr auf den Jänner, aufs Klettern, darauf, morgen Maqloube mit Freunden zu kochen (kochen zu lassen) und darauf, dass Fe. wieder da sein wird. Ich freue mich sehr darauf, in Cafés zu sitzen, bis es auch dort zu kalt wird. Ich habe angefangen zu zeichnen, weil ich zu Weihnachten tolle Stifte bekommen habe. Aber auch Zeichnen wird nicht mein Neujahrsvorsatz. Ich werde einfach dabei bleiben, über ein Tattoo nachzudenken, vielleicht ohne mir je eines stechen zu lassen. Ich werde immer noch manchmal zu spät kommen (aber schon viel seltener als früher). Ich werde immer noch nicht alles unter einen Hut bringen und es wird mir immer noch leid tun. Ich werde mich bemühen, so wie ich mich bisher schon bemüht habe, und darauf hoffen, dass mir meine Fehler vergeben werden. In diesem Sinne: Guten Rutsch! Wie schön, dass es auf Deutsch einen so blödsinnigen Ausdruck gibt, frohes neues Jahr zu wünschen.

 

 

*Die Ammanis gehen gegen eine Steuer- und Preiserhöhung auf die Straße, die die Regierung auf Geheiß des IWF durchgesetzt hat. Durch die Steuererhöhung wird der dünne Mittelstand Jordaniens stärker besteuert. Die Proteste ziehen sich daher durch alle Gesellschaftsschichten und Gesinnungen.

**Das ist ein SCHERZ. Ich bin gegen Gewalt. Ich bemühe mich sogar, zu den Katzen halbwegs nett zu sein.

 

Wadi, Wüste, Weltschmerz

Mit feierlichen Schwüren soll man wohl nicht hausieren gehen. Man könnte mir die konstante Verspätung meiner Beiträge entweder als Integration in die fünf-Minuten = eine-Stunde-Gesellschaft anrechnen oder als logische Folge meiner zu laxer Auslegung von Zeit neigenden Persönlichkeit ankreiden. Vielleicht mache ich die obligatorische Entschuldigung zu Beginn jedes Beitrags einfach zum Markenzeichen.

Mich haben die Wüste des Wadi Ram und seine Felsen gelockt und ich bin ihnen gefolgt. Anders als der Ruf des Watzmann hatte diese Verlockung allerdings nur positive Konsequenzen. Ich bin zwei Routen im Vorstieg geklettert und habe mich an einem Felsspalt horizontal in eine vertikale Wand gehängt, was sich spektakulär anfühlt. Besonders, wenn man dabei den Ausblick über roten Sand und mächtige Felsen, die aussehen wie gigantische Schokobrunnen genießt. Die Klettercrew ist eine im wahrsten Sinne des Wortes zusammengeschweißte Gemeinschaft, die ihr Wasser und den Sand in ihrer Kleidung teilen. Ein High-Five mit aufgeriebenen und kreidestaubigen Händen nach einer zittrigen Route ist ein Gefühl so groß wie „Titanic“ mit Happy End. Nur ohne den Komfort, dafür auch ohne Eisberg. Also quasi same-same.

Beduinischer Kaffee sieht dünn aus, schmeckt nach Lagerfeuer und hält mich die ganze Nacht lang wach. Gefroren habe ich entgegen den Erwartungen fast gar nicht. Araq mag dabei etwas geholfen haben. Viele Menschen hier sind enttäuscht von meiner Empfindlichkeit gegen Kälte. In ihrer Vorstellung fließt in meinen Adern Eisbärenblut. Bis eine Stunde vor Sonnenaufgang war der harte Kern wach und hat sich an eklektischer Meditation versucht, bis der Meditationskreis irgendwann von anderen Bewohnern unseres Wüstencamps mit „Stop making stupid noises!“ beendet wurde.

Heute bin ich eine Stunde zu Fuß zu Miyahuna gegangen, um unsere Wasserrechnung zu bezahlen, damit ich diese Woche duschen und eventuell sogar meine Kleidung waschen kann. In Erwartung großer nächtlicher Kälte habe ich meine gesamten textilen Besitztümer in Taschen gepackt und in die Wüste geschleppt, wo sie dann am selben Feuer geräuchert wurden, an dem auch der Beduinenkaffee sein Aroma erhalten hat. K. weilt in Indien und hat mich beauftragt, diese Rechnung zu bezahlen, die hoffentlich unsere ist und hoffentlich auch noch rechtzeitig bezahlt wurde. So ganz sicher ist das nicht. Ich traue mich nicht, die Waschmaschine einzuschalten. Besser stinkiges Gewand als stinkige Gunda, oder? Vielleicht fange ich einfach an, einen Waschlappen und meine Zahnbürste in die Arbeit zu bringen. Mit etwas Glück wird mir das ja sogar als besonderes Commitment ausgelegt.

Fünfmal gehe ich noch arbeiten, etwa doppelt so oft werde ich noch schlafen, dann tauche ich in die weihnachtliche Welt Wiens ein. Im Moment fühlt es sich an, als wäre das ein Kurztrip, um mein Kletterseil und Expressen zu holen, aber ich weiß, dass es schwer sein wird, mich noch einmal zu verabschieden. Wenigstens bin ich gut vorbereitet: Auf unserem Küchentisch steht ein Adventskranz, von K. hergestellt und von mir liebevoll mit Christbaumkugeln geschmückt. Man bringe die Tannenbäume, die Kekse, das exzessive Essen, die Geschenke und den Kitsch! Ich fühle mich gut eingestimmt.

Kleine Steine, große Steine

Was kann ganze zwei Wochen so anfüllen, dass keine zwanzig Minuten bleiben, um der digitalen Nachwelt meine Spuren zu hinterlassen?

Viele kleine und größere Kieselsteine. Vor allem im übertragenen, aber auch im wörtlichen Sinne. Ich weiß nicht, ob ihr das auch mal in Religion durchgenommen habt, aber es gibt ein Gleichnis von einem Gefäß, in das man zuerst die großen Steine und dann die Kiesel und dann den Sand und dann das Wasser geben muss, damit alles reinpasst und so soll man das dann auch mit dem Leben machen oder so. Wir haben das in der Schule mal inklusive Demonstration im ökumenischen Gottesdienst und allem Pipapo vorgeführt bekommen.

Gerade ist es eher ein Erdrutsch, in dem ich versuche, den großen Steinen auszuweichen, und der kleinen mit dem Tischtennisschläger Herrin zu werden. Von geordnetem In-Gefäße-legen kann keine Rede sein. Aber, um das Bild endgültig schief zu machen: Es ist ein guter Erdrutsch. Ich beschwere mich zwar gerne, habe es aber eigentlich gern so. Ich mag den Granitkiesel im Gebirge lieber als den Kristall im geologischen Museum.

Wenn ich gut in Abfolgen wäre, würde ich jetzt sagen: Immer der Reihe nach, aber das bin ich nicht. Also fangen wir einfach mit den augenscheinlich größeren Steinen an und arbeiten uns dann langsam vor.

Ich habe mich für den Master inskribiert. Das war einerseits notwendig, um weiter Familienbeihilfe beziehen zu können. Auf der anderen Seite hat es meine alte Rechercheobsession getriggert. Es gibt einfach viel zu viele Dinge, die man studieren kann,viel zu viele Länder, in denen man leben kann, viel zu viele Sprachen, die man sprechen oder perfektionieren könnte. Im Endeffekt habe ich einen vollen Tag damit zugebracht, mich in Wien für den weiterführenden Master meines Bachelorstudiums einzuschreiben. Aber ich habe mal wieder tausend Ideen, was stattdessen auch noch möglich gewesen wäre. Vielleicht lege ich mir irgendwann doch noch eine Louis Vuitton Handtasche zu und gehe undercover auf die WU.

Was noch? Ich war Felsklettern. Wir waren eine kleine Gruppe von Leuten, die bei Climbat herumhängen, der einzigen Kletterhalle in Amman. Es ist irgendwie nett, zu einer überschaubaren Szene dazu zu gehören, die so einen Zusammenhalt hat. Jedenfalls haben wir uns über den King’s Highway auf den Weg in Richtung Süden gemacht, in die Nähe von Tafileh. Der King’s Highway, das wissen wir jetzt, ist nicht der direkte Weg dorthin. Er windet sich malerisch hinunter in Täler und Berge hinauf und man braucht nach Tafileh statt der veranschlagten zwei etwa vier Stunden. Vor Sonnenuntergang gehen sich dann noch genau zwei Routen aus. Es war trotzdem jeden Kilometer und jede Serpentine wert.

Als wir angekommen sind, waren die Routen schon im Fels und die Seile eingehängt. An einer Militärbasis vorbei, deren Bewacher und misstrauisch, aber freundlich mit ihren Maschinengewehren in der Hand gegrüßt haben, dann durch ein Beduinenzeltlager haben wir das arme Mietauto gejagt. Was sie gesagt haben, habe ich nicht verstanden, mein Beduinisch ist leider praktisch nicht vorhanden, aber jedenfalls waren auch sie sehr freundlich.

Die Aussicht war grandios. Wir sind etwa in der Mitte des Felsens eingestiegen, unter uns ein Tal, in dem Schafe und Ziegen weiden, über uns dreißig Meter Konglomerat und nach dem Klettern schwarzer Tee mit Zucker am Lagerfeuer.

Am Rückweg dann hat es zu regnen begonnen. Wir haben uns erst nicht viel dabei gedacht. Der Wetterbericht hatte Regen angekündigt. Nach ein paar Kilometern ging die Nachricht um, dass in anderen Teilen des Landes Menschen in Sturzfluten umgekommen waren, zwischen dem Ort an dem wir waren und Amman. Der Weg zurück in den Norden war deswegen gesperrt. Die nächste größere Stadt, Karak, konnte man auch nicht erreichen, weil auch sie von den Fluten betroffen war. Wir saßen also fest.

Woraufhin irgendjemand den brillanten Vorschlag machte, erst mal was zu essen. Das taten wir dann. Wir waren also zwei Autos voller hungriger, verschwitzter Kletterer, die sich gemeinsam mit vielen anderen Menschen ins trockene Innere eines Highway-Restaurants geflüchtet hatten. Die Stimmung war beinahe schon romantisch. Das Essen war (zu) reichlich und irgendwann schreiben dann diejenigen, die doch in Richtung Amman aufgebrochen waren, dass sich die Kolonne der Autos langsam bewege.

Wir brachen also doch noch auf und gegen halb zwei Uhr nachts war ich dann tatsächlich in meinem Bett. Auf dem Weg passierten wir die Region Dab’a, in der die Unwetter besonders schlimm gewesen waren. Obwohl wir auf unserem Weg fast ausschließlich an trockener Erde vorbei kamen, sahen wir auch Autos, die mindestens hüfthoch überschwemmt gewesen sein mussten. Das ist das Schräge an diesem Land: An einem Ort bekommt man nichts mit außer einer Viertelstunde Regen, der in Österreich wirklich niemanden kratzen würde. Und keine 50km entfernt werden Autos mitsamt ihren Insassen weggeschwemmt. Erst ein paar Tage danach, wir waren wieder klettern, sprachen wir darüber, wie unglaublich blöd es eigentlich gewesen war, sich bei dieser Wetterprognose zu dem Felsen zu begeben. Das kleine Tal und der Canyon hätten dem Wasser nur einen Weg gelassen – in unsere Richtung.

Ein weiterer Stein ist S., die K. vor ein paar Tagen im Stiegenhaus gefunden hat, halb schlafend. Sich mit ihr zu verständigen war sehr schwierig. Sie sprach kein Arabisch und kaum Englisch. Der irre Zufall ist, dass wir letzte Woche einen Gast hatten, J. Sie spricht Kiswahili. Dadurch konnten wir mehr über die Geschichte herausfinden. S. ist aus Uganda und hier in Jordanien, um sich als Hausmädchen zu verdingen, wie viele Frauen aus Ostasien und Afrika. Ihr Pass liegt bei der Agentur, die sie an einen Kafil (Sponsor) vermittelt, der formal für sie verantwortlich ist. Sie kommt dann mit ihrem Bild und Informationen über sie in einen Katalog. Potentielle Arbeitgeber kommen zur Agentur, blättern durch den Katalog und suchen S. aus oder eben nicht. Sie lebt dann bei der Familie im Haus und nennt die Hausherrin ihre „Madame“. Wenn sie Glück gehabt hätte, würde sie arbeiten und dürfte ansonsten hingehen, wo sie will. Solches Glück hatte sie nicht. J. hat übersetzt, dass das erste Haus, in dem sie war, ganz gut war. Aber die „Madame“  hatte einen Sohn. Vor diesem Sohn wurde S. von einer ghanaischen Frau, die auch dort angestellt war, gewarnt. Nach getaner Arbeit wollte die Hausherrin manchmal, dass S. auch das Haus des Sohnes putzt. Von diesem musste S. annehmen, dass er sie zum Sex zwingen würde. Also ist sie weggelaufen.

Im zweiten Haus lebte eine alte Frau. Diese Frau wollte, dass S. von ihrem Lohn eine Uniform und Essen kauft. Also ist sie auch von dort weg. Dieses Haus ist ein gutes Stück im Süden, in Richtung des Flughafens. S. war am Abend bevor wir sie gefunden haben, dort weggegangen. Keine Ahnung, wie sie es bis nach Amman geschafft hat. Es ist nachts schon sehr kalt. S.‘ Sachen passen alle in ein Plastiksackerl, das sie mit sich herumträgt. Sie hat in unserer Küche Tee getrunken und wir haben überlegt, was wir tun sollen.

Es gibt eine Organisation, die sich um die Rechte der Frauen kümmert, die unter solchen Bedingungen als Haushaltshilfen arbeiten, Tamkeen. Das Problem dabei ist, dass diese Rechte kaum vorhanden sind. Selbst die, die es gibt, werden üblicherweise nicht eingehalten. Den Frauen den Pass abzunehmen ist illegal, aber üblich. Sich in Gewerkschaften zu vernetzen, ist gesetzlich verboten. Tamkeen hat uns am Telefon gesagt, dass es drei Möglichkeiten gibt. Entweder wir bringen S. zu ihnen ins Büro und sie schreiben eine Beschwerde. Oder wir bringen sie zurück zur Agentur, wenn S. nicht das Gefühl hat, dass das böse Menschen seien. Oder wir gehen zur Polizei. Das sollen wir aber nur machen, wenn wir ganz sicher seien, dass gegen S. keine Beschwerde vorliegt. Es war relativ schnell klar, dass Möglichkeit drei keine echte Alternative ist.

Wir haben S. dann zum Büro der Agentur gebracht und versucht, ihre Situation zu erklären. Auch die Agentur konnte kaum mit ihr kommunizieren. Es war ihnen auch nicht so wichtig. Ihr Verständnis hielt sich sehr in Grenzen, menschlich wie sprachlich. J. und ich zogen nochmal los, um ein paar  Sachen für S. zu besorgen – eine Tasche, Creme, Wasser, Obst. Sobald sie das Gebäude der Agentur betreten hatte, durfte S. es nicht mehr mit uns verlassen. Als wir zurück kamen, hatten sie ihr das Handy weggenommen.

Ich weiß nicht, ob wir etwas anders machen hätten können. Die Managerin der Agentur ist selbst Filipina und hat als Haushaltshilfe angefangen. Sie wohnt im Nachbarhaus. Vielleicht treffe ich sie mal. Dann frage ich sie nach dem Verbleib von S., die hier ist, um Geld für ihre Kinder zu verdienen. Anscheinend hat sie es mit dieser Agentur noch gut erwischt. Andere schlagen die Frauen, wenn sie weglaufen. Das klingt wie ein absurder Film.

Vor ein paar Wochen war ich auf einer Konferenz, „Contemporary Amman and the Right to the City“. Es war eine Konferenz zu Stadtplanung unter vielen verschiedenen Gesichtspunkten. Unter anderem gab es einen Vortrag darüber, wie sich die Frauen, die hier als Haushaltshilfen leben, in der Stadt bewegen. Stadtplanung ist auch unter feministischen Gesichtspunkten spannend. Mich interessiert sehr, wer wo hingehen kann und wie die Stadt die Menschen und die Menschen die Stadt beeinflussen – es geht um Sichtbarkeit, Sicherheit, Selbstverständlichkeit in der Stadt, um den Buchstaben S in seiner ganzen Pracht darzustellen.

Viele der Stadtviertel, die ich jetzt der Theorie nach kenne, habe ich noch nie besucht. Das neue Abdali zum Beispiel, ein Megaprojekt direkt im Stadtzentrum, mit Flaniermeile und allem Drum und Dran, das mitten ins Herz der Stadt gepflanzt wurde und von Einheimischen anscheinend kaum besucht wird. Es gibt auch in Wien diese Orte, die nie jemand besucht, der dort nichts verloren hat. Im vergangenen Ramadan war ich im 10. Bezirk essen und es war wie eine andere Welt.Vielleicht gehe ich auch nicht an die WU, sondern werde Ethnologin. Dann würde ich hier in Amman die Beautysalons erforschen. Ohne Spaß, das sind Orte, an denen Frauen unter sich sind und die einen Raum bieten, ohne männlichen Blick und ohne Hijab Netzwerke aufzubauen. Außerdem würde es mir Spaß machen, Forschungsgelder in Maniküre zu investieren.

Leider hatte ich noch keine Gelegenheit, mit I. über die Konferenz zu sprechen. I. hat Architektur studiert und ist jetzt Mama einer kleinen Tochter. Ich hatte sie am Dienstag zu mir eingeladen, aber dann hat es geregnet. Nach den beiden letzten Vorkommnissen hat die Regierung sogar Sms ausgeschickt und alle Bürgerinnen und Bürger (der Formulierung nach natürlich nur Bürger, „axi al-muwatin“) gebeten, zu Hause zu bleiben. Jetzt sind sie einfach übersensibel auf jegliche Wetterkapriolen.

Ich treffe hier so viele inspirierende Leute, die Lust haben, etwas zu verändern, die sich um die Welt und andere kümmern wollen und die sich nicht in den Status der Abgeklärtheit begeben haben, in dem ich große Teile meines Daseins friste. Das macht mir irgendwie Mut. Und es lässt mich glauben, dass ich auch so sein könnte wie sie. Und sollte. Und werde. Auch wenn „inspirierend“ ein fürchterlich abgelutschtes Wort ist.

Noch ein Stein? Ich habe mich bei Sijal um eine Work Study Postion beworben. Der Deal ist, dass man 10-15 Stunden pro Woche dort arbeitet und als Ausgleich die Hälfte der Kursgebühr für ihre Arabischkurse erlassen bekommt. Sijal ist eines der bekanntesten Arabischinstitute in Amman. Was mir an Sijal auch gefällt, ist die kleine Bibliothek und der idyllische Garten mitten in Amman, den sie haben. Was mich aber wirklich überzeugt ist, dass sie sich auch als Kulturinstitution verstehen. Sie bieten auch Workshops und Gespräche mit Künstler/-innen an. Ich denke, dass mir die Arbeit dort Spaß machen würde. Gleichzeitig will ich den Deutschunterricht nicht aufgeben. Ich glaube, die Erfahrung als Lehrerin und dieses Jahr in Amman im Allgemeinen, werden mir noch viel beibringen. Meine Schüler habe ich auch irgendwie ins Herz geschlossen.

Für den Fall, dass ich in das Programm aufgenommen werde, wären das ein Fulltime-Arabischkurs plus 10 Stunden Arbeit bei Sijal plus ein Deutschkurs. Mehr als einen Kurs könnte ich dann so oder so nicht unterrichten. Auf der anderen Seite sind es nur ein paar Monate, von Mitte Jänner bis Mitte Mai. Jetzt, wo ist das elendiglich lange Anmeldeformular schon besiegt habe – was soll noch schief gehen?

Mein Arabisch stagniert gerade etwas, weil so viel anderes los ist, aber ich zwinge mich immer mehr und mehr dazu, nicht Englisch als einfachere Alternative zu wählen, sondern auf Arabisch als Alltagssprache zu bestehen. Das gelingt eigentlich ganz gut. Ich hätte richtig Lust, da Energie reinzustecken. Daumen drücken hilft auf jeden Fall!

Ich bin bezahlt worden für den Abschluss meines ersten Kurses. Ein seltsames Gefühl, mehrere hundert Dinar bar in die Hand gedrückt zu bekommen. Aber definitiv ein gutes. Ich habe ein paar Tage später in einer Bar darauf angestoßen (und dann nochmal auf einer Technoparty). Es ist lustig, wie aus der Welt gefallen diese Bar in Amman wirkt, obwohl sie auf der anderen Seite wie der normalste, europäischste Ort der Welt aussieht. Hinter dem Tresen steht ein Mann mit Manbun und Vollbart, den man original auch hinter eine Bar in Berlin verpflanzen könnte. Die Kellner tragen Gilets und das Licht ist gedämpft. Das Bier schmeckt nach Bier und die Cocktails nach Crushed Ice.

Die Schwester von Fe. ist gerade zu Besuch und hat ihr Baby im Gepäck, ein entzückendes Wesen, das alle auf Trab hält. Fe. ist gestern nach Hause gekommen und war heilfroh über die kurze Pause vom Babysitten. „Ich glaub, ich überleg mir das nochmal!“, hat sie gesagt. So ein Kleines ist mehr als ein Fulltimejob. Es ist eher ein Job in einem Sweatshop, bei dem man sich gut überlegen muss, ob man wirklich Zeit hat, jetzt aufs Klo zu gehen oder ob man das besser auf später verschiebt. Okay, mit diesem unangemessenen Vergleich beende ich diesen langen Eintrag. Nehmt ihn mir nicht übel. Ich schwöre feierlich, der nächste Eintrag wird kürzer und kommt bälder.

 

Ein Wind zieht auf im Osten

Es wird Herbst. Ich wollte schreiben, um der poetischeren Bauweise des Satzes willen, „Langsam wird es Herbst“, aber das hätte nicht gestimmt. Den Herbst hat es in einem heftigen Gewitter heruntergeregnet. Danach haben sich die Temperaturen nicht mehr erholt. In der Nähe des Toten Meeres sind Kinder auf einem Schulausflug in einem Wadi weggespült worden. Hier bei uns ist die rote Erde schon wieder durchgetrocknet. Die Sonne scheint fast jeden Tag und ich friere jede Nacht. Andererseits genieße ich es, mich in meine warme Decke zu kuscheln und um zehn schon müde zu sein, weil es um sechs schon dunkel ist.

Nicht weit von der Sprachschule, in der ich unterrichte, liegt die Bibliothek eines US-amerikanischen Institutes, das sich besonders auf Archäologie des Mittleren Ostens spezialisiert hat. Dort verbringe ich jetzt meine Tage zwischen dem Vormittagskurs und dem Nachmittagskurs unter Büchern über mesopotamische Siegel und Biografien amerikanischer Orientalisten. Hier ungestört zu lesen und nicht immer im Lehrerzimmer mit dem Sessel rücken zu müssen, wenn irgendjemand vorbei will, ist das beste Geschenk an mich selbst seit langem. Diese helle, große Bibliothek ist meine Entdeckung des Monats (bis jetzt).

Heute hat sich A., der Schüler, den ich gelegentlich gedanklich mit nach Hause nehme, bei mir bedankt und gesagt, dass er viel gelernt habe. Das Hochgefühl, das mir das verschafft hat, reicht für die nächsten Wochen und hoffentlich auch für den Start ins nächste Level mit meinem Anfängerkurs.

Kleine Dinge, richtig gutes Ma’moul, ein nettes Wort, ein Kapitel „Momo“ auf Arabisch, in dem ich gar nichts nachschlagen musste, geben mir Auftrieb und lassen mich weitermachen, auch wenn ich mich manchmal nach einem langen Tag wie heute frage, ob das, was mir da durch den Schädel schwappt noch mein Hirn ist oder ob sich selbiges zwischen Fremdsprachen, Grammatik, neuen Bekanntschaften und exotischen Speisen schon aufgelöst hat.

Zum Thema exotische Speisen gibt es zwei relevante Neuigkeiten: Ich habe nach eigentlich viel zu langer Zeit endlich Mansaf probiert. Im selben Restaurant haben sie auch Kibbe biLaban, meine neue Lieblingsart von Kibbe. Die sind, wie man so schön sagt, ein Gedicht. Außerdem werde ich am Freitag mit meiner Arabischlehrerin Mahashi kochen. Meine Sprachschule hat von heute auf morgen zugesperrt, wegen Differenzen zwischen den Eigentümern. Die Einladung zum Kochen steht aber zum Glück noch.

Apropos, zum Thema Gedicht muss ich sagen, dass es mir in seiner essbaren Form gerade sehr viel näher ist als der Herzschmerz. der aus Nizar Qabbanis Schnulzen tropft, die ich zu verstehen versuche. Aber das ist ein Geheimnis, in unserer Wohnung füllen seine Werke die Regale.

Ich bin gerne hier. Ich mag es, Zeit für Bücher und für mich zu haben und beim Impfen der vermaledeiten Katzen zu assistieren. Ganz egal, wie gerne ich hier bin und wie viele Städte ich noch bewohnen will – ich bin nicht dafür geschaffen, als Nomadin durch die Welt zu ziehen und alle paar Jahre irgendwo neu anzufangen, neue Leute kennen zu lernen, ein neues Leben aufzubauen. Während ich das schreibe, finde ich mich ein bisschen langweilig. K. sagt, sie würde jederzeit woanders leben wollen. Ich frage mich, ob das bei mir auch irgendwann so sein wird. Im Moment will ich eigentlich nicht weg. Ich meine, das Weggehen ist nicht das Ziel. Ich will nicht weg, um nicht mehr an dem Ort zu sein, an dem ich bin. Während ich das schreibe, klingt es nach einer Rechtfertigung. Vielleicht ist es das auch, zumindest vor mir selbst. Ich bin keine Abenteurerin, ich möchte zu Hause ankommen, das ist mir wichtiger, als neu zu starten.

Vielleicht bin ich gerade deswegen eine Abenteurerin. Eine, die nach bestandener Herausforderung gern daheim in ihre warmen Wollsocken und mädchenhaften Patschen schlüpft. Es wird wirklich Herbst in Amman.

 

Lebensweisheit reloaded

Damit mir nicht fad wird, habe ich jetzt eine Challenge laufen. Eine Stunde nach dem Aufstehen und eine Stunde vor dem Schlafen gehen kein Handy und kein Computer. Klingt leicht. Haha. Das ist aber nicht der Grund für die relative Verspätung dieses Eintrages.

Grund eins ist S., meine Arabischlehrerin. Sie ist ein wahres Herzchen mit einer coolen Art, ihren Hijab zu tragen und ziemlich viel Dreck unter den Fingernägeln (dieses Merkmal hat mit der restlichen Person keinen Zusammenhang, ist mir aber heute aufgefallen). S. plaudert gerne und viel. Unser Unterricht dauert offiziell zwei Stunden. Nach zwei Stunden aber ist S. natürlich mit unserem Stoff noch nicht durch. Kein müdes Abwinken, kein Vorschlag, den Rest auf nächstes Mal zu verschieben, kein flehentlicher Blick aus Dackelaugen mit Verweis auf mein gemartertes Hirn kann sie aufhalten.

Eine arabische Viertelstunde später (sprich eine ganze Stunde auf der Uhr) haben wir noch schnell eine kurze Qasida gelesen, die Weltpolitik kommentiert, die Position von hundert Partikeln im Satz haargenau bestimmt, eine kurze Zigarettenpause gemacht und ein Assortiment von Orangen, Äpfeln und Bananen verkostet. Wenn man ein bisschen an der Oberfläche kratzt, kommt in S. die Feministin zum Vorschein, die Khalil Gibran gerne was husten würde, weil er so chauvinistisch über seine Geliebte schreibt. Nach diesen zwei bis vier Stunden zweimal die Woche bin ich gerädert und glücklich. Mein Kopf befindet sich ohnehin konstant in einem Zustand kurz vor der Explosion.

Ein weiterer Grund sind Wochenenden. Wochenenden, an denen ich nichts mache außer Wochenende. Letzten Donnerstag, der mein Äquivalent zum Samstag ist, habe ich alle Plastiksackerl, die in der Wohnung sind sortiert und gefaltet. Am Freitag, der mein Sonntag ist, habe ich stundenlang gekocht. Dazwischen war ich joggen, habe mit Moby-Dick gekämpft (ja, immer noch!) und Artikel mit Lebensweisheiten gelesen. Hier schließt sich der Kreis: Die Handy-Challenge habe ich natürlich in den unendlichen Weiten des Selbstoptimierungswahns, der das Internet beherrscht ausgegraben. Ich lese dann Artikel zur Reduktion des eigenen Internetkonsums im Internet und komme mir vor ein Bild im Bild.

Noch ein Grund sind andere Tage, an denen ich das mit dem Abschalten nicht so gut schaffe. Tage, an denen irgendwelche Zertifikate gefühlt mehr mein Problem sind als das meiner Schülerinnen und Schüler. Tage, an denen ich mich ganz tief eingraben möchte, weil ich folgendes gesagt habe: „Es heißt eins, zwei, drei und so weiter, aber wenn danach ein Nomen kommt, heißt es ‚ein‘.“ Worauf meine A1.1-ler bei der Prüfung „ein Landkarte“ geschrieben haben. Obwohl wir den unbestimmten Artikel natürlich gelernt haben. Tage, an denen mich das verständnislos-verzweifelte Gesicht von A. aus dem B2-Kurs bis in den Schlaf verfolgt.

Nichtsdestotrotz passiert um mich herum gerade Gutes. Ich trinke viel Tee, der in dieser Wohnung seit Jahrzehnten in den Regalen verstaubt (heute: ayurvedischen Verdauungstee), habe Falafel immer noch nicht satt und werde jetzt auch im Supermarkt öfter auf Arabisch angeredet. Gefühlt fehlt nur noch die passende Haarfarbe und ich bin quasi assimiliert. Naja, mein Rucksack verweist wohl auch sehr auf eine radfahrende Vergangenheit. Bis zur perfekten Araberin habe ich noch ein Stück des Weges vor mir. Bis zur optimierten Gunda auch. Bis dahin esse ich Falafel und Ful und Mutabbal und Mahashi und Knafe, berichte hin und wieder davon, versuche mich weiter als Lehrerin (meine Schüler/-innen nennen mich „Miss Gunda“ oder „Frau Gunda“ oder „Teacher“) und lebe ansonsten möglichst entspannt von Tag zu Tag.

 

 

Warum in die Ferne schweifen…

Diesen Artikel habe ich auch auf LinkedIn veröffentlicht, wollte ihn euch aber nicht vorenthalten. Eigentlich passt er viel besser hierher. Tadaa! Viel Spaß.

 

Was heißt das eigentlich, Auslandserfahrung? Nach einem Semester in Irland, einem in Italien, zwei Monaten im Oman und mitten in einem Jahr in Jordanien, abgesehen von zahlreichen Reisen, könnte man meinen, irgendwann stellt sich abgeklärte Gelassenheit ein. Man könnte meinen, irgendwann wird man zum Profi in Sachen Anpassungsfähigkeit.

Aber das stimmt nicht. Jeder neue Aufbruch fühlt sich nach Chaos und Katastrophe an – zumindest für kurze Zeit. Abschied nehmen tut weh, und jeder Auslandsaufenthalt ist ein doppelter Abschied, vom alten und vom neuen Zuhause. Jeder Aufbruch bedeutet Schmetterlinge im Bauch, die sich mitunter als schlafraubende Nachtfalter entpuppen. Um sich anzupassen muss man erst über wahnsinnig viele Steine stolpern und meistens ein paar Mal ziemlich hart aufs Maul fallen.

Dass es wundervoll ist, ein anderes Land kennen zu lernen und dass es einen persönlich unendlich viel weiterbringt, wissen wir alle. Schließlich kennen wir alle weißzähnige Lächelgesichter mit dicken Rucksäcken auf dem Rücken, die mit ihrer internationalen Crew aus schönen Menschen für Erasmus, Traineeprogramm, Freiwilligenarbeit… werben. Das aber ist mein ehrlicher Erfahrungsbericht. Er handelt von den Dingen, von denen ich wünschte, dass ich früher darüber geredet hätte. Von der Zeit, die ich mir hätte zugestehen sollen. Und schließlich handelt er von Trost, von den Dingen, die schnell besser werden, auch wenn sie am Anfang hart sind, und von Dingen, die sich im Nachhinein als großes Geschenk erweisen, das man möglichst bald erkennen und genießen sollte.

Meine Reisen beginnen mit der Man-könnte-doch-Phase. Diese Phase ist voller ehrgeiziger Pläne. Die Welt retten! Italienisch lernen! Ein tolles Praktikum machen, um einen noch tolleren Job zu ergattern! Internationale Erfahrung allen anderen voraushaben, ein Jetsetterleben führen, die Karriereleiter ganz nach oben klettern! Mich selbst finden! Ein neues Leben anfangen! Andere Kulturen kennen lernen! Allen zeigen, wie mutig ich bin! Ein anderer Mensch werden!

Es ist die Phase der großen Träume. Ich behaupte: Ohne diese Phase hätte noch nie jemand seine Euros in Geld gewechselt, das einem ständig aus der Tasche fällt und von dem man erstaunlich lange keine Ahnung hat, was es wert ist. Noch nie hätte jemand seinen geliebten Supermarkt mit der grantigen Kassiererin gegen Marktstände getauscht, wo plötzlich alles relativ ist. (Sprachkenntnis: verhandlungssicher!) Ohne Phase 1 wäre ich nie von meiner Couch aufgestanden. Phase 1 ist der beste Zeitpunkt, Flüge zu buchen und die Katze zu verschenken. Denn dann kann man nicht mehr zurück, bevor man überhaupt bemerkt hat, was man gerade zu tun im Begriff ist. Diese Phase nutze ich zur geschickten Selbstüberlistung.

Dann sickert langsam ins Bewusstsein, was das große Abenteuer da im Handgepäck hat: Auf einer fremden Sprache eine Wohnung suchen, die man vielleicht nicht einmal besichtigen kann. Sich bewerben, sich in ein Team einarbeiten. Niemanden haben, bei dem man sich ausweinen kann. Eine sehr lange Zeit ohne Kuscheln verbringen. Nie so ganz genau wissen, was jetzt der Witz war und wieso alle lachen, weil einem entweder der Humor oder die Sprache nicht ganz schlüssig sind. Irgendwelche Lebensmittel kaufen, von deren Zubereitung man nicht wirklich Ahnung hat. Abende alleine verbringen und niemanden haben, den man anrufen kann. Es sind kleine Herausforderungen, die an Selbstbewusstsein und Selbstverständlichkeit nagen.

Mama und Papa haben den Schock zu dem Zeitpunkt schon fast verwunden, da trifft er die Abenteurerin erst mit voller Härte. Oh shit, was hab ich mir da nur aufgeladen? Baby, baby it’s a wild world, denke ich und bin plötzlich gar nicht mehr so sicher, ob ich wirklich die Welt retten etc. will oder lieber doch noch ein bisschen Netflix schauen. Der Komfort meiner eigenen Couch entwickelt ungeahnte Anziehungskraft. Ich frage mich dann oft, warum ich mir das überhaupt antue. Warum ich nicht einfach den leichten Weg wähle. Phase 2 ist sehr nervenaufreibend für mich und für meine Umgebung anstrengend. Ich weiß, dass ich diese Phase nicht mit allen Menschen auf der Welt teile, aber viele Leute, mit denen ich gesprochen habe, kennen sie gut. Ja, auch die, die man für superentspannt hält.

Es ist die Phase, die sich niemand gerne eingesteht. Ich weiß noch genau, dass ich vor meiner Abreise nach Jordanien einen Freund getroffen habe, der kurze Zeit später auf einen mehrwöchigen humanitären Auslandseinsatz gehen sollte. Dieser Freund, groß, gelassen, wirkt, als könnte ihn nichts umhauen. Wir haben über den uns beiden bevorstehenden Aufbruch gesprochen. Irgendwann habe ich es nicht mehr ausgehalten und gesagt: „Bist du auch schon so nervös? Ich bin total nervös.“ Kurz war er perplex. Er ist nicht der Typ, dem man normalerweise unterstellt, nervös zu sein. Dann kam ein dankbares: „Ja, voll.“ Das hat mir sehr gut getan. Sein gewohntes Umfeld zu verlassen ist tough. Es ist überhaupt nicht notwendig, die eigene Coolness noch zu übertreiben. Nervös? Ja, und wie. Aber ich bin trotzdem hier. Das ist doch die eigentliche Leistung.

Vieles am Weggehen ist richtig scheiße. Auch das muss mal gesagt werden. Natürlich wiegen die Vorteile die Nachteile hundertmal auf. Aber dass man erst mal einsam ist, am eigenen Alltag verzweifelt, das Gefühl hat, man wird diese blöde Sprache nie meistern, das lässt sich nicht wegreden. Vieles am Weggehen ist aber auch einfach normal. Na klar, das klingt jetzt erst mal unspektakulär. Es ist aber das, was ich daran am meisten liebe und wovon ich am meisten profitiere. Egal, wo ich bin, ich bin ein Mensch unter Menschen. Weder werde ich plötzlich zu Superwoman, wie in Phase 1 gedacht. Noch gehe ich total unter und finde niemals Freunde, wie in Phase 2 befürchtet.

Wenn die ersten Hürden geschafft sind, egal ob man zu dem Zeitpunkt noch zu Hause ist oder schon auf großer Reise, dann stellt sich irgendwann das Gefühl ein, dass man das schon irgendwie machen wird. Ein neuer Mensch werde ich in diesem Leben vermutlich nicht mehr. Aber das ist auch gar nicht notwendig. Der Mensch, der ich jetzt bin, kann schon ganz schön viel aushalten und managen.

Wenn du in deinem möglicherweise suboptimalen Zimmer sitzt und vielleicht keinen Plan für deine Abendgestaltung hast, weil dein Tag superanstrengend war und du dich nicht in der Lage fühlst, heute noch irgendjemanden zu sehen, obwohl dein schlechtes Gewissen sagt, dass du dich gefälligst mal integrieren solltest, dann entspann dich. Gib dir Zeit. Sieh diese Zeit als Geschenk, das du dir selbst gemacht hast. Aufs-Maul-fallen kann man ganz gut üben. Phase 3 kommt bestimmt und alles wird vor allem eines: Ganz normal – und gut.