Palästina, Sehnsuchtsort

Noch bevor ich Amman untreu geworden bin, bin ich diesem Blog untreu geworden. Das liegt einerseits an einem gewissen Hang zur Untreue langfristigen Projekten gegenüber, andererseits an der Reise nach Palästina, die mir auch gleich als Stoff für den nächsten Eintrag dienen sollte.

Stoff gab es genug, einen Beitrag habe ich daraus bis jetzt noch nicht geschneidert. Vielleicht fange ich am besten damit an, wohin ich gefahren bin, wenn ich sage, ich war in Palästina. Ich persönlich meine damit die Westbank (und natürlich den Gaza-Streifen, aber da war ich nicht), plus arabisch dominierte Städte wie Nazareth. Das ist mein Privatkompromiss, arabischen Freunden gegenüber sage ich oft aus Faulheit „Palästina“, wenn ich Israel und Palästina meine, auf Deutsch benutze ich Israel und Westbank oder Westjordanland.

Interessanterweise sagt man als Westbanker über das Gebiet außerhalb der Westbank  „drinnen“. Was mich irritiert, weil für mich gefühlt das Gebiet, um das eine Mauer gebaut ist und aus dem man nur unter großem bürokratischen Aufwand, gepaart mit etwas Glück, ausreisen kann und das keinen Zugang zum Meer hat, eindeutig „drinnen“ liegt.

Von Amman aus bin ich in den JETT-Bus gestiegen, es war noch sehr früh in der Früh und ich von morgendlicher Melancholie befallen. An der Grenze haben sie dann die Pässe eingesammelt, jeden die Ausreisegebühr von 10JOD zahlen lassen und dann alle in einen Bus verfrachtet. Dann ist ein jordanischer Mann in schmucker blauer Uniform eingestiegen, der offensichtlich der Überzeugung war, gutaussehend zu sein. Der hatte einen Stapel Pässe in der Hand und hat nach der Reihe die Namen aufgerufen, die in den Pässen gestanden haben. Wer sich als erstes gemeldet hat, hat den Pass bekommen.

Dann sind wir losgefahren, das Ticket aus dem ersten Bus hat für den zweiten Bus auch gegolten. Ich war ziemlich nervös, was den Grenzübertritt nach Israel betrifft. War aber ganz smooth. Ich habe erzählt, dass ich in Jerusalem die Kirchen anschauen möchte und dort bei einem israelischen Freund übernachte. Jetzt hätte ich fast „jüdisch“ geschrieben und mich dann daran erinnert, dass mich letztens ein palästinensischer Freund korrigiert hat. Der Grenzbeamte jedenfalls hat mich angelächelt und mir eine gute Reise gewünscht. Auf der israelischen Seite ist plötzlich alles sauber und organisiert, bis man nach draußen geht und die kleinen Lügen, dass man nämlich natürlich keinerlei Absicht hat, die Westbank zu besuchen, keine Rolle mehr spielen. Ich habe den nächstbesten Araber gefragt, wie ich nach Ramallah komme, am Schalter ein Ticket für den Bus zur Busstation in Jericho gekauft und los ging es.

Im Bus kam dann eine Frau auf mich zu und hat mich gefragt, ob ich für sie ein paar Stangen Zigaretten über die Grenze bringen könnte, die sie in Jordanien zollfrei gekauft hat. Klar. Ich habe gar nicht drüber nachgedacht. War dann auch kein Problem. Was doch ein kleines Problem war: Ich habe meinen Pass in meinen großen Rucksack gepackt, nicht wissend, dass mir noch eine dritte Grenze der palästinensischen Autonomiebhörde bevorsteht. Ich weiß nicht, was ich gedacht habe. Jedenfalls wurde ganz komfortabel mein Rucksack ausgeladen und durch die Kontrolle gebracht, und mit ihm mein Pass. Zum Glück hat sich ein junger Palästinenser meiner erbarmt, dem Grenzbeamten die Situation erklärt und meinen Rucksack zurückgebracht.

Mit dem bin ich auch im Sammeltaxi nach Ramallah. Das war meine erste Begegnung mit palästinensischer Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft, die ein bestimmender Faktor der nächsten Wochen sein würde. Das Taxi war teuer, aber es war unerträglich heiß und deshalb haben wir nicht gewartet, bis noch mehr Fahrgäste kommen.

In Ramallah war ich im Area D Hostel, in dem Mohamed von „Cycling with the Mohameds“ und Tyler von „Wadi Climbing“ arbeiten. Beides Projekte, die mehr sanften Tourismus in die Region bringen sollen. Sanft im Sinne von: kein Katastrophen- oder Mitleidstourismus. Sanft aber auch im Sinne von: keine Tour im gepolsterten Reisebus, den man nur verlässt, um in der Gruppe die Geburtskirche in Betlehem zu besuchen.

Ich habe mich dann mit Kletterern und Klettererinnen connected, mich mit ihnen in ein kleines rotes Spucki-Auto gequetscht und schon waren wir unterwegs, den Kofferraum vollgestopft mit Ausrüstung, Essen und viel Kaffee. Zwei Deutsche, ein Palästinenser und eine Palästinenserin mit blauem Personalausweis – also aus Jerusalem, die ohne Probleme nach „drinnen“ dürfen, M., der sein Tasreeh, die temporäre Erlaubnis, das zu tun, streichelte, und ich.

Wir haben im Naturschutzgebiet wild gecampt, sind geklettert, haben eine Nacht am Strand geschlafen, sehr viel Kaffee getrunken und haben M. unter einer Decke versteckt, wenn wir in eine Stadt gekommen sind, weil das rote Spucki kaum Sitze für fünf Personen hatte und wir – wer mitzählt, weiß es – waren zu sechst.

M. war eine Zeit lang im Gefängnis, er sagt, ohne guten Grund und auch ohne Gerichtsprozess. Seither kann er gut Schach spielen und ist auch sonst der harmloseste Chaot der Welt. Vor den Grenzposten und vor glitschigen Kletterrouten hat er sichtlich ein bisschen Schiss.

Nach dem obligatorischen Besuch in Jerusalem, langer sinnloser Warterei bei der Post, weil I. einen neuen Pass brauchte, bin ich weiter nach Betlehem gefahren, wo ich bei ein paar Mädels, die ich flüchtig kannte, übernachtet habe. Die drei sind aus Deutschland und machen ein christliches soziales Jahr (nicht zu verwechseln mit den christlich-sozialen Jahren, die uns bevorstehen).

Von Betlehem bin ich dann weiter nach Hebron. Hebron ist das erklärte Ziel all der PoWi-Studenten, die in die Westbank strömen, um eine handfeste Verletzung von Menschenrechten aus der Nähe anzuschauen. In Hebron sind die israelischen Siedlungen direkt in der Stadt, der ehemalige Souq, in alten Zeiten der größte Markt im Gebiet der heutigen Westbank, ist verlassen, über dem heutigen sind Netze gespannt, die die Israelis oben vor den Palästinensern unten und umgekehrt schützen sollten.

Aber Hebron hat auch Mo, einen berühmten Couchsurfer, der als Buchhalter in einem Krankenhaus arbeitet, wo er die langen Haare unter einer Kappe versteckt und der einmal im Jahr nach Berlin aufs Fusion Festival fährt, das ist seine persönliche Flucht aus dem Alltag. Außerdem hat Hebron entzückende Gassen, südliches Flair, eine lebhafte Neustadt und mehrere Universitäten. Selbst der katastrophalste Ort ist nicht nur Katastrophe, und die Westbank an sich wirkt auf mich wie ein klassischer Fall von gut geschmierter Routine im Ausnahmezustand.

Frauen sind im palästinensischen Stadtbild viel besser vertreten als in Jordanien, und wenn man seine Reise in Ramallah beginnt, mit seinen Hipster-Geschäften und Bars und Cafés, die aus lokalen Demeter-Melanzi Baba Ghanoush handfertigen, hat man einen Start, der dieses moderne Bild unterstützt. Allerdings ist vor gar nicht langem eine 20-jährige, Israa Gharib, unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommen, und die Vermutung eines sogenannten „Ehrenmordes“ liegt nahe. Das war im studentisch geprägten Beit Sahour bei Betlehem.

In Nablus schließlich war ich etwas bewegungseingeschränkt, weil ich kurz zuvor zu einem Eulennest geklettert war, wo mich – Überraschung! – eine Eule angefaucht hat. Eulen haben sehr große gruselige Augen und ich bin aus ein einer Höhe im niedrigen einstelligen Meterbereich gefallen, auf meinen bloßen Füßen gelandet und musste dann zum Auto getragen werden, was mir sehr peinlich war.

In Nablus bin ich dann herumgehumpelt und habe mich von älteren Bankerlsitzern trösten lassen. Außerdem habe ich Alessandra kennen gelernt, eine italienische Architektin, die auper Arabisch spricht und mit einem Architekten aus Nablus verheiratetet ist. Die beiden ziehen jetzt ein akademisches Zentrum in Nablus auf und unterstützen seinen Bruder B., der erst vor kurzem aus dem Gefängnis gekommen ist, nachdem er 2003 (glaube ich – nach und wegen der Intifada jedenfalls) festgenommen wurde. Auch er ist, wie M., vom Typ Kann-keiner-Fliege-was-zuleide-tun.

Damit will ich nicht sagen, dass er nichts getan hat. Aber ich denke doch, dass es unter anderen Umständen anders gekommen wäre.

Mittlerweile bin ich schon lange wieder in Wien, und der Platz hier reicht nicht aus, um auch nur die zwei Wochen in Palästina abzudecken. Es war mir ein Bedürfnis, darüber noch zu schreiben. Vielleicht kommt bald mehr (ich hoffe es), vielleicht auch nicht. Jedenfalls schaue ich manchmal in Google Streetview Amman an. Aber, um es wienerisch zu sagen: Wien ist eh auch schön.

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