Endzeit

Die meisten meiner Hobbys sind eher kurzlebig. Das gilt besonders für Hobbys, die ich mir zeitweise als Beruf erträume. Ich kann mittlerweile ein bisschen jonglieren, aber für den Zirkus reicht mein Ehrgeiz wohl trotzdem nicht. Meine Liebe zur Fotografie hat bisher noch nicht gereicht, in eine Kamera zu investieren, sie ist also pures Hättiwari. Meine vernachlässigte musikalische Ader durchfließt nur bei jedem viertausendsten Schlag etwas Herzblut. Ich finde mich damit ab, dass ich in diesem Leben nicht mehr reich und berühmt werde (Sorry, Mama!). Deshalb bin ich gespannt, wie lange meine neueste Obsession anhält.

Ich höre sehr gerne Podcasts. Es gibt auch ein paar sehr schöne jordanische Podcasts auf Arabisch. Für mein Semesterprojekt habe ich da ein bisschen recherchiert. Und, Überraschung!, alle diese Podcasts werden von „Sawt“ produziert, also von einer einzigen Firma.

Coole Sache eigentlich. Aber natürlich gibt es immer ein paar Sachen, die man kritisch sehen kann. Zum Beispiel: Hören die Leute, über die diese Podcasts gemacht werden, diese auch an? Oder hören wir (der Westen, die Oberschicht, die Bourgeoisie, das Bildungsbürgertum, die Gutmenschen, etc.) gerne auf der Couch die tragischen Geschichten von Leuten und essen dabei Erdbeereis? Ganz viele Podcasts fallen mit Leichtigkeit in die Kategorie „NGO-Sachen“. Ich weiß gar nicht woher meine Allergie darauf kommt, aber für mich umweht solche Projekte schnell ein Hauch von IMM (Irgendwas Mit Medien), also vom Hipster-Spezialgebiet, also vom Weltverbessern durchs Bio-Avocado kaufen.

Außerdem: Podcasts sind ein bisschen wie Gedichte. Die meisten Schreiber sind auch Leser (Schreiberinnen, Leserinnen), und manchmal erreicht es den Punkt, wo die Schreiber die einzigen Leser sind. Willkommen in der Bubble! Anders als im Radio, wo man bekommt, was gerade durch den Äther geschossen wird, sucht man sich einen Podcast aus, was ein Stück weit voraussetzt, dass man danach gesucht hat. Man bekommt, wofür man von Vorneherein eine Schwäche hat.

Aber wahrscheinlich ist der Verdacht, dass ich da das Haar in der Audiosuppe suche, nicht ganz unrichtig.

E., der als Radiojournalist gearbeitet hat, hat mir jedenfalls die Nummer einer der Gründer von Sawt weitergegeben. Ich kann also für besagtes Semesterprojekt bei Sijal ein Interview mit ihm machen. Die Idee ist, Podcasts in Form eines Podcasts zu behandeln. Das heißt, ich will mich mit dem Thema Podcast kritisch auseinandersetzen, indem ich Leute befrage und diese Interviews dann aufnehme und selbst zu einem Podcast zusammenbastle. Für meine Begriffe ist das ohne Podcastproduktionvorkenntnisse ein großes Projekt.

Heute habe ich außerdem erfahren, dass wir zusätzlich zum Abschlussprojekt auch einen Abschlusstest haben. Die Reaktion meines Klassenkollegen auf meine Überraschung war nur „Ja, das ist richtige Uni“, der blöde Sack (Beep!). Die große Frage ist, wie ich meine Ambitionen für das Abschlussprojekt und den Test und meine Abschiedssentimentalität unter einen Hut bringen soll. Ich habe das Gefühl, alles geht zur Neige. Diese Neige impliziert eine gewissen Schieflage, oder ein Ungleichgewicht der Gefühle. Gestern habe ich meinen Flug nach Österreich gebucht. Alle haben Stress, weil das Semester zu Ende geht. Fast wie zu Hause. Ich suche nach Erasmusplätzen und Praktika, was mich wie immer furchtbar nervt, und dazu kommen irrationale Ängst davor, dass ich mit meinem richtigen Leben weitermachen muss, sobald meine Nase wieder Wiener Luft inhaliert. Die Luft in Amman riecht nach Endzeitstimmung. Vielleicht ist meine Vorliebe für große Worte schon aufgefallen. Es ist natürlich nicht das Ende der Zeit, sondern nur die Zeit, in der mein Aufenthalt endet.

Eigentlich wollte ich noch über Clay schreiben, ein furchtbar netter Mensch, der die letzte Zeit seinen Arabischkurs in einen Kochkurs verwandelt hat und immer das gesamte Institut bekocht hat. Manchmal gibt es sie, die Leute, die einfach lieb sind, ohne sich darum zu scheren, was die Auswirkungen davon sind, ohne dass sie dafür eine Gegenleistung erwarten. Außerdem wollte ich über ein Projekt schreiben, das seit langer Zeit in meinem Kopf nistet. Auch dieses Projekt ist ein Podcastprojekt. Ich möchte wissen, was Menschen zu dem macht, was sie sind – ob sie wegen ihrer Erfahrungen so sind, oder trotz ihrer Erfahrungen. Ich glaube, ich habe schon erwähnt, wie überrascht ich war über die Geschichten mancher meiner jordanischen Freunde. Das sind Studentinnen, Lehrer, Kletterer, kurz ganz normale Leute. Wenn man sich dann länger mit ihnen unterhält, stellt man fest, dass sie Dinge erlebt haben, die ich mir gar nicht vorstellen kann. Aber auch gerade Menschen, die ich oft sehe und gut kenne, meine Familie zum Beispiel, haben unerwartete und unerwartbare Geschichten. Oft habe ich keine Ahnung von den Menschen. Nie finde ich die Muße, sie Dinge zu fragen wie: Was macht dich glücklich? Was hast du als Kind gespielt? Kann sein, ein solches Projekt wird zusammenhanglose Gefühligkeit. Kann sein, es wird spannend.

Ansonsten komme ich im Moment meistens spät ins Bett. Das ist keine große Neuigkeit, aber ein stimmungsbestimmender Faktor in meinem Leben. Apropos Schlafmangel: Eine Geschichte, die ich von meinem Vater kenne (weil ich schon von Erinnerungen und prägenden Erlebnissen spreche), ist, dass er damals Pluderhosen auf die Schulbälle getragen hat. „Indienhosen“ nannte man die damals, und es war ein Zeichen von Rebellion, sie statt einer Anzughose zu tragen. Ich weiß auch, dass er am Tag nach einer langen Feier dann in die Schule gegangen ist – wer trinken kann, kann auch lernen. Im Prinzip ist mein Vater immer noch so, mit dem kleinen Unterschied, dass er kaum jemals mehr als ein Bier oder ein Gläschen Wein trinkt. Deshalb sitze ich auch jetzt im Garten bei Sijal, rattere schnell diesen Blogeintrag herunter und werde dann versuchen, so viel von meinen Hausaufgaben wie möglich zu machen, obwohl ich so so so viel lieber einfach schlafen würde. Die Genetik ist ein Hund, oder ist es die Erziehung?

Und Apropos Feiern, bald beginnt der Ramadan, vielleicht ist das eine gute Zeit für einen verspäteten Winterschlaf?

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