Was soll man machen, was kann man wissen…

Ich war krank. So richtig mit Fieber und Gliederschmerzen und Hundeelend. Seit heute geht’s mir besser und ich bin mit der Erkenntnis aufgewacht, dass ich jetzt nicht mehr überall die Jüngste bin und irgendwie noch keinen Job und keine Ahnung habe. Das ist einerseits kein schönes Gefühl. Andererseits ist es das Gefühl von mildem Chaos und optimistischem Fatalismus, in dem ich mich zuhause fühle. Wie die Araber und die Österreicher gleichermaßen sagen, aysh beddna na3mel, wos soi ma mochn? Und den Verdacht, dass ich den Gipfel der Ahnung nicht erreichen werde, hege ich schon länger.

Nachdem mir dieser Blog über weite Strecken das Tagebuch ersetzt hat, fehlt mir die Chronologie des Was-bisher-geschah, also zwischen dem letzten und diesem Eintrag. Ich werde mich deshalb auf anekdotische Berichte beschränken und bitte für Auslassungen um Verzeihung.

Ich habe den Newsletter von Gudrun Harrer abonniert. Er heißt „Orient-Express“ (naja) und ist wunderbar und sehr kurzweilig. Seither habe ich manchmal das nötige bruchstückhafte Wissen, um so zu tun, als könnte ich mitreden. Was ich ganz gerne tue, und wo ich mich ehrlicherweise manchmal hinter der Sprachbarriere verstecke, wenn ich mich auf wirklich weißes Land begeben habe.*

Außerdem habe ich erfahren, dass Gudrun Harrer die Tochter von Heinrich Harrer ist. Ich habe diese Information nicht überprüft, sie stammt aber aus zuverlässiger Quelle und ist zu wild, um erfunden zu sein.

Manchmal schäme ich mich jetzt halb heimlich für meine Bachelorarbeit, obwohl ich sie nach dem Schreiben nie wieder gelesen habe und folglich gar nicht mehr genau weiß, was drinsteht. Meiner Rekonstruktion aus dem Gedächtnis nach geht es um den Israel-Palästina-Konflikt und wie die Mediensprache ihn behandelt, anhand von Artikeln über die Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt Israels durch die USA und die Verlegung der US-Botschaft dorthin. (Das ist noch relativ sicher. Was aber das Ergebnis ist, müsste ich nachlesen, aber ich fürchte mich davor.)

Ich glaube, ich habe erwähnt, dass mir manchmal das Privileg vor Augen gehalten wird, in einer halbwegs gewaltfreien Gesellschaft aufgewachsen zu sein. Da ist es logisch und leicht, Pazifistin zu sein. Meiner Meinung nach wäre es mit meinem Hintergrund sogar befremdlich, auf Waffengewalt für die Verfolgung noch so hehrer Ziele zu setzen. Ausgehend von dieser Position verurteile ich Gewalt von israelischer wie von palästinensischer Seite und ich verurteile eine Sprache, die diese Gewalt entschuldigt, gutheißt oder normalisiert, und ich bin dagegen, das Leben der einen gegen das Leben der anderen aufzuwiegen.

Die Übermacht Israels und sein Bestehen auf einer Verfälschung der Geschichte zu seinen Gunsten und zuungunsten des palästinensischen Volkes ist Unrecht. Ich ziehe daraus nicht den Schluss, dass israelische Soldaten sterben sollten, weil ich nicht finde, dass irgendjemand durch Gewalt sterben sollte, und wenn es der größte Verbrecher auf Erden wäre – oder die größte Verbrecherin.**

Dann kommen Geschichten, die an meiner Überzeugung nagen, weil sie so klein und wirklich sind und so verständlich machen, woher die Wut kommt.

E. ist ein schlauer Kerl, der für eine große und sehr bekannte NGO arbeitet. E. hat kein Auto, weil er als Palästinenser in Jordanien keines besitzen darf. Als er klein war, wollte er gerne Klavier spielen lernen. Dann begann die Intifada und damit der Beschuss auf Nablus. Auf dem Weg, den er zur Musikschule nahm, starb jemand. Das war das Ende seines Klavierunterrichts. Seine Eltern bestanden außerdem darauf, dass E. fortan in eine Schule gehe, die näher an seinem Zuhause lag. Kann ich sagen, ich wünschte von ganzem Herzen, dass E. Klavier lernen hätte können und nicht auf diese beschissene Schule hätte gehen müssen, wenn ich gleichzeitig sage, sein latenter Hass auf Israel ist unberechtigt?

Manchmal denke ich, es ist gefährlich, zu schweigen, weil man nicht betroffen ist. Das macht die Debatte zu einer Debatte der Betroffenen (noch zu unterscheiden von einer Betroffenheitsdebatte). Aber gegen eine Erfahrung kann man andererseits nicht argumentieren.

Noch eine Anekdote zum selben Thema: Es kamen einmal zwei Israelis in eine Bar. In dieser Bar arbeiteten zwei meiner Freunde als Barkeeper. Die Israelis sprachen miteinander auf Hebräisch. Daraufhin verweigerten ihnen die Angestellten in dieser Bar geschlossen die Bedienung. Ich fand und finde das kindisch. Ja, Hebräisch ist eine belastete und hochgradig künstliche Sprache. Ich habe Leute kennen gelernt, die sagen, Hebräisch ist ihre Muttersprache, ihre Eltern sprechen aber beide Jiddisch und Polnisch.

Vielleicht bedeutet die Verwendung einer bestimmten Sprache für mich nichts. Vielleicht ist mir die Belastung einer bestimmten Sprache nicht bewusst. Wenn ich im Ausland mit jemandem unterwegs bin, der oder die Deutsch spricht, dann sprechen wir normalerweise Deutsch miteinander, obwohl es natürlich höflicher wäre, eine Sprache zu verwenden, die auch unser Umfeld versteht. Vielleicht muss man dazu sagen, dass diese beiden Freunde von mir sich keineswegs grundsätzlich weigern, mit Israelis zu reden, solange diese sich gegen die dominante Linie israelischer Politik stellen. Es ist keine originär ethnische Diskriminierung, die Provokation lag in genau dieser Szene: Zwei Israelis in Amman, die Hebräisch sprechen.

Ich weiß nicht, ob ich irgendwie richtig liege oder völlig im Dunkeln tappe mit meiner Einschätzung der Situation als kindisch, und ob mir ohne den kulturellen Hintergrund ein solche Einschätzung überhaupt gelingen kann, soll heißen: Ist es zu leicht, von meiner Position aus zu sagen, geht doch hin und macht sie darauf aufmerksam, dass hier mit hoher Wahrscheinlichkeit Palästinenser arbeiten, für die eure Sprache eine besondere Bedeutung hat und für die sich dadurch, dass ihr sie hier an diesem Ort verwendet, eure Besetzung ihrer Heimat ausdehnt? Ihr könnt nicht verlangen, dass euch jemand mit palästinensischem Hintergrund etwas bringt, wenn ihr nicht zu verstehen gebt, dass ihr in friedlicher Absicht kommt.

Ich wüsste gerne, ob es hier irgendetwas in Richtung richtig/falsch gibt, an dem man sich anhalten kann. Wenn ihr etwas wisst, sagt mir bescheid.

Was außerdem so passiert ist: Das Klettern macht Fortschritte, größere als das Arabisch. Oder zumindest spürbarere. Ich war wandern mit Übernachtung unter Sternen und es war so schön, dass ich jetzt manchmal denke, ich will nur mehr das machen: Berge und Täler und Pflanzen und Wasser sehen. Davon kann man zwar den Strom nicht zahlen, aber man braucht ja dann auch keinen Strom.

Meine beste Freundin L. war mich besuchen und ebenso J., den ich schon sehr herbeigesehnt hatte. Ich habe Reisepläne entworfen und Autos organisiert und mich zeitweise sehr erwachsen gefühlt. Es war schön, mehr vom Land zu sehen und die Dinge, die ich im letzten halben Jahr erlebt habe, zu teilen. Aber man kann nicht alles teilen und das Gefühl, das bleibt, ist: Für mein Leben hier in Amman bin ich alleine verantwortlich. Ein bestärkendes und beängstigendes Gefühl.

An Alltäglichem: Ich darf bis Ende Juni hier bleiben, mein Visum ist scheinbar durch.

 

*Hm, den Ausdruck gibt es nicht. Nachdem ich von arabischen Freunden immer geschimpft werde, wenn ich so etwas sage und ich dann behaupte, das sei Poesie, wollte ich euch wissen lassen: Ich weiß, es gibt kein weißes Land. Das ist der weißte Fleck auf der Landkarte, der sich über die reale Erde gebreitet hat. Das ist Poesie.

**Diese Woche ist in Zarqa ein kleines Mädchen ermordet worden. Der Täter war 17 Jahre alt und entgeht durch seine Minderjährigkeit voraussichtlich der Todesstrafe. Meine Lehrerin S. meinte darauf, Verbrechen an Kindern sind das einzige, für das sie persönlich eine Todesstrafe verlangen würde. Ich habe keine Kinder und ich bin gegen die Todesstrafe, aber ich kann sie verstehen.

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