Warten darauf, dass nichts passiert

Gestern habe ich vier Bier getrunken, weil ab einer gewissen Uhrzeit politische Debatten mehr als Kaffee brauchen. Heute bin ich trotzdem halbwegs früh aufgestanden. Ich versuche, mich langsam daran zu gewöhnen. Endlich ist es so weit, dass ich sagen kann: Bald fängt mein Arabisch-Intensivkurs an. In einer Woche nämlich, kurz nachdem Fe. und ich in unsere neue Wohnung gezogen sind. Big News! Unser Nest in Bobohausen.

Vor zwei Tagen waren wir bei Carrefour, einem französischen Alptraum von Supermarkt, in dem man neben Bodenwischgeräten auch zuckerlrosa Decken kaufen kann, von denen man nur hoffen kann, dass man darunter nicht friert. Moudy, der Hausmeister unseres neuen Hauses ist sehr freundlich und kümmert sich umgehend um Anliegen wie Türen, die nicht schließen, bringt einen Herd und einen Heizstrahler, der mit etwas betrieben wird, das „Kaz“ genannt wird.

Ich werde jetzt mein eigenes Bad haben. Zwei Szenarien sind möglich: Entweder es wird das schönste Privat-SPA, das ich je bewohnt habe, oder es wird ein versifft staubiges Bad, wo Haare und Seifenreste im Waschbecken hängen und wo ich in der Früh meine Katzenwäsche erledige, bevor ich mich zum Arabischkurs schleppe, ohne meine Hausübung erledigt zu haben. Die Dusche kann man schon lange nicht mehr benutzen, weil das Wasser nicht mehr abläuft und wenn sie nicht daheim ist, gehe ich auf Fe.s Klo, weil es da sauberer ist.

Lange Pausen befeuern mein Schwarz-Weiß-Denken. Eben zum Beispiel: Entweder unsere neue Wohnung wird ein rosa-goldenes kleines Biedermeierparadies, oder es wird eine verrauchte Höhle, in der sich des Nachts gegen Fe.s Willen dubiose langhaarige Menschen einfinden, um den Umsturz vorzubereiten. (Welcher Umsturz das sein soll, ist ja für Hobbytheoretiker bekanntlich zweitrangig.) Seit einem Monat bin ich im Standby-Modus. Ich warte darauf, bei Sijal anzufangen und habe meine Arbeit aufgegeben. Kurs, Praktikum und Deutschunterricht zusammen sind mir doch zu steil.

Also lese ich, was das Internet so hergibt und schaue mir dazwischen Videos philosophischer, sozialistischer, neurowissenschaftlicher oder auch weniger intellektueller Youtube-Kanäle an. In Wahrheit lande ich relativ oft bei „Die zehn lustigsten Tiere!“ oder „Diese Lifehacks werden dich begeistern!“.

Dazwischen denke ich darüber nach, was ich auf verschiedene Argumente von links erwidern kann. Obwohl oder weil mir näher, geht von links eine ordentlich verunsichernde Kraft aus. Was kann ich sagen zu dem Argument, dass wir fürchten, in der Revolution könnten Menschen sterben, während ohne die Revolution täglich Menschen sterben? Dass man ein Menschenleben nicht gegen ein anderes abwägen kann?

Wenn man hier wohnt, merkt man schnell, dass Jordanien ein großer Stützpunkt für NGOs ist. Wenn man als Expat keinen Weltverbessererjob hat, ist man fast schon die Ausnahme.

Wie repräsentativ die Meinung von Leuten ist, die sich in meinem direkten Umfeld bewegen, ist fraglich bis unwahrscheinlich. Aber es gibt Stimmen, die die Präsenz von NGOs verurteilen, weil sie den Status Quo fortsetzen, anstatt tatsächlicher Veränderung Raum zu geben. Sie geben den Leuten genug, um stillzuhalten und ihr Schicksal nicht selbst in die Hand zu nehmen und sie halten Jordaniens Wirtschaft abhängig von milden Gaben. Diese milden Gaben kommen zu einem Großteil aus den USA, Saudi-Arabien und Europa. Das bedeutet zum Beispiel, dass eine schärfere Linie Israel gegenüber politisch unmöglich ist. Das würden sich hier viele Menschen wünschen.

Ich möchte damit nicht sagen, dass ich dieser Ansicht zustimme. Aber ich habe in letzter Zeit ein bisschen darüber nachgedacht, wie sogenannte „gute Taten“ und Ideen wie „soziale Marktwirtschaft“ mit der Erhaltung eines nicht allzu schlechten, aber auch nicht allzu guten Zustandes zusammenhängen, der sich jedoch nie darum bemüht, letztlich eine Utopie zu verwirklichen, die man für tatsächlich „gut“ und nicht nur für „nicht so schlimm“ hält.

Im Sinne von: Wieso bringen wir im Bus Kameras an, die sexuelle Belästigung verhindern sollen, anstatt dass wir uns um eine Gesellschaft bemühen, die auf gegenseitigem Respekt aufgebaut ist? Warum bekämpfen wir Symptome anstatt Ursachen?

Die einfachste Antwort ist: Weil die große Revolution zu schwierig und zu gefährlich ist. Weil diese Art von Revolution schon oft genug übel schiefgegangen ist. Ich glaube, es gibt noch eine zweite Dimension. Ich glaube, dass das Warten auf die Utopie (Wer weißt, ob sie kommt? Und wer weiß, ob ich sie mag, wenn sie da ist?) eine andere Art ist, die Hände in den Schoß zu legen. Wartet man darauf, dass sich mit der Selbstabschaffung des Kapitalismus auch Gier und Egoismus abschaffen und damit alles, was uns Menschen trennt? Nur ist der Kapitalismus erfahrungsgemäß recht selbstabschaffungsresistent, weil sein Scheitern systemimmanent ist. Zweitens glaube ich zwar daran, dass der Mensch gut ist. Aber nicht daran, dass es eine natürliche Dynamik des Guten gibt – dass sich also alles zum Guten wendet, wenn man es nur lässt. Das haben die Kommunisten geglaubt, und das glaubt auch die neoliberale Wirtschaftstheorie. Ich glaube ihnen beiden nicht, dass ein allumfassender Lösungsansatz zwangsläufig zur allumfassenden Lösung führt.

Ich glaube, dass es unerlässlich ist, das kleine Übel zu bekämpfen. Damit meine ich nicht: Das kleine Übel zuerst. Oder: Ausschließlich das kleine Übel. Ich meine, auch das kleine Übel. Ich möchte nach der sozialistischen Weltrevolution keinen hören, der sagt: Ach, die Frauen, die haben wir ja ganz vergessen. Tja. Ach, Rassismus gibt’s immer noch. Hoppla. Klar, das kann einem überzeugten Kommunisten zufolge nie passieren. Aber der Glaube an den natürlichen Verlauf der Dinge hin zum Guten ist ein antiquiertes Konzept, dem ich nicht geschuldet haben will, sollte furchtbar schieflaufen, was als hoffnungsvolles Projekt begonnen hat. Oder sagen wir: als Utopie.

2 Kommentare zu „Warten darauf, dass nichts passiert

  1. Mit den „Utopien“ ist das auch so eine Sache: je näher es an die Verwirklichung der „Utopie“ geht, um so deutlicher werden die Unterschiede zwischen den vielen „Utopien“, die in den Köpfen der beteiligten „Utopisten“ herumspuken. Gerade kann man das in Grossbritannien sehr schön (?) beobachten.

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