Palästina, Sehnsuchtsort

Noch bevor ich Amman untreu geworden bin, bin ich diesem Blog untreu geworden. Das liegt einerseits an einem gewissen Hang zur Untreue langfristigen Projekten gegenüber, andererseits an der Reise nach Palästina, die mir auch gleich als Stoff für den nächsten Eintrag dienen sollte.

Stoff gab es genug, einen Beitrag habe ich daraus bis jetzt noch nicht geschneidert. Vielleicht fange ich am besten damit an, wohin ich gefahren bin, wenn ich sage, ich war in Palästina. Ich persönlich meine damit die Westbank (und natürlich den Gaza-Streifen, aber da war ich nicht), plus arabisch dominierte Städte wie Nazareth. Das ist mein Privatkompromiss, arabischen Freunden gegenüber sage ich oft aus Faulheit „Palästina“, wenn ich Israel und Palästina meine, auf Deutsch benutze ich Israel und Westbank oder Westjordanland.

Interessanterweise sagt man als Westbanker über das Gebiet außerhalb der Westbank  „drinnen“. Was mich irritiert, weil für mich gefühlt das Gebiet, um das eine Mauer gebaut ist und aus dem man nur unter großem bürokratischen Aufwand, gepaart mit etwas Glück, ausreisen kann und das keinen Zugang zum Meer hat, eindeutig „drinnen“ liegt.

Von Amman aus bin ich in den JETT-Bus gestiegen, es war noch sehr früh in der Früh und ich von morgendlicher Melancholie befallen. An der Grenze haben sie dann die Pässe eingesammelt, jeden die Ausreisegebühr von 10JOD zahlen lassen und dann alle in einen Bus verfrachtet. Dann ist ein jordanischer Mann in schmucker blauer Uniform eingestiegen, der offensichtlich der Überzeugung war, gutaussehend zu sein. Der hatte einen Stapel Pässe in der Hand und hat nach der Reihe die Namen aufgerufen, die in den Pässen gestanden haben. Wer sich als erstes gemeldet hat, hat den Pass bekommen.

Dann sind wir losgefahren, das Ticket aus dem ersten Bus hat für den zweiten Bus auch gegolten. Ich war ziemlich nervös, was den Grenzübertritt nach Israel betrifft. War aber ganz smooth. Ich habe erzählt, dass ich in Jerusalem die Kirchen anschauen möchte und dort bei einem israelischen Freund übernachte. Jetzt hätte ich fast „jüdisch“ geschrieben und mich dann daran erinnert, dass mich letztens ein palästinensischer Freund korrigiert hat. Der Grenzbeamte jedenfalls hat mich angelächelt und mir eine gute Reise gewünscht. Auf der israelischen Seite ist plötzlich alles sauber und organisiert, bis man nach draußen geht und die kleinen Lügen, dass man nämlich natürlich keinerlei Absicht hat, die Westbank zu besuchen, keine Rolle mehr spielen. Ich habe den nächstbesten Araber gefragt, wie ich nach Ramallah komme, am Schalter ein Ticket für den Bus zur Busstation in Jericho gekauft und los ging es.

Im Bus kam dann eine Frau auf mich zu und hat mich gefragt, ob ich für sie ein paar Stangen Zigaretten über die Grenze bringen könnte, die sie in Jordanien zollfrei gekauft hat. Klar. Ich habe gar nicht drüber nachgedacht. War dann auch kein Problem. Was doch ein kleines Problem war: Ich habe meinen Pass in meinen großen Rucksack gepackt, nicht wissend, dass mir noch eine dritte Grenze der palästinensischen Autonomiebhörde bevorsteht. Ich weiß nicht, was ich gedacht habe. Jedenfalls wurde ganz komfortabel mein Rucksack ausgeladen und durch die Kontrolle gebracht, und mit ihm mein Pass. Zum Glück hat sich ein junger Palästinenser meiner erbarmt, dem Grenzbeamten die Situation erklärt und meinen Rucksack zurückgebracht.

Mit dem bin ich auch im Sammeltaxi nach Ramallah. Das war meine erste Begegnung mit palästinensischer Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft, die ein bestimmender Faktor der nächsten Wochen sein würde. Das Taxi war teuer, aber es war unerträglich heiß und deshalb haben wir nicht gewartet, bis noch mehr Fahrgäste kommen.

In Ramallah war ich im Area D Hostel, in dem Mohamed von „Cycling with the Mohameds“ und Tyler von „Wadi Climbing“ arbeiten. Beides Projekte, die mehr sanften Tourismus in die Region bringen sollen. Sanft im Sinne von: kein Katastrophen- oder Mitleidstourismus. Sanft aber auch im Sinne von: keine Tour im gepolsterten Reisebus, den man nur verlässt, um in der Gruppe die Geburtskirche in Betlehem zu besuchen.

Ich habe mich dann mit Kletterern und Klettererinnen connected, mich mit ihnen in ein kleines rotes Spucki-Auto gequetscht und schon waren wir unterwegs, den Kofferraum vollgestopft mit Ausrüstung, Essen und viel Kaffee. Zwei Deutsche, ein Palästinenser und eine Palästinenserin mit blauem Personalausweis – also aus Jerusalem, die ohne Probleme nach „drinnen“ dürfen, M., der sein Tasreeh, die temporäre Erlaubnis, das zu tun, streichelte, und ich.

Wir haben im Naturschutzgebiet wild gecampt, sind geklettert, haben eine Nacht am Strand geschlafen, sehr viel Kaffee getrunken und haben M. unter einer Decke versteckt, wenn wir in eine Stadt gekommen sind, weil das rote Spucki kaum Sitze für fünf Personen hatte und wir – wer mitzählt, weiß es – waren zu sechst.

M. war eine Zeit lang im Gefängnis, er sagt, ohne guten Grund und auch ohne Gerichtsprozess. Seither kann er gut Schach spielen und ist auch sonst der harmloseste Chaot der Welt. Vor den Grenzposten und vor glitschigen Kletterrouten hat er sichtlich ein bisschen Schiss.

Nach dem obligatorischen Besuch in Jerusalem, langer sinnloser Warterei bei der Post, weil I. einen neuen Pass brauchte, bin ich weiter nach Betlehem gefahren, wo ich bei ein paar Mädels, die ich flüchtig kannte, übernachtet habe. Die drei sind aus Deutschland und machen ein christliches soziales Jahr (nicht zu verwechseln mit den christlich-sozialen Jahren, die uns bevorstehen).

Von Betlehem bin ich dann weiter nach Hebron. Hebron ist das erklärte Ziel all der PoWi-Studenten, die in die Westbank strömen, um eine handfeste Verletzung von Menschenrechten aus der Nähe anzuschauen. In Hebron sind die israelischen Siedlungen direkt in der Stadt, der ehemalige Souq, in alten Zeiten der größte Markt im Gebiet der heutigen Westbank, ist verlassen, über dem heutigen sind Netze gespannt, die die Israelis oben vor den Palästinensern unten und umgekehrt schützen sollten.

Aber Hebron hat auch Mo, einen berühmten Couchsurfer, der als Buchhalter in einem Krankenhaus arbeitet, wo er die langen Haare unter einer Kappe versteckt und der einmal im Jahr nach Berlin aufs Fusion Festival fährt, das ist seine persönliche Flucht aus dem Alltag. Außerdem hat Hebron entzückende Gassen, südliches Flair, eine lebhafte Neustadt und mehrere Universitäten. Selbst der katastrophalste Ort ist nicht nur Katastrophe, und die Westbank an sich wirkt auf mich wie ein klassischer Fall von gut geschmierter Routine im Ausnahmezustand.

Frauen sind im palästinensischen Stadtbild viel besser vertreten als in Jordanien, und wenn man seine Reise in Ramallah beginnt, mit seinen Hipster-Geschäften und Bars und Cafés, die aus lokalen Demeter-Melanzi Baba Ghanoush handfertigen, hat man einen Start, der dieses moderne Bild unterstützt. Allerdings ist vor gar nicht langem eine 20-jährige, Israa Gharib, unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommen, und die Vermutung eines sogenannten „Ehrenmordes“ liegt nahe. Das war im studentisch geprägten Beit Sahour bei Betlehem.

In Nablus schließlich war ich etwas bewegungseingeschränkt, weil ich kurz zuvor zu einem Eulennest geklettert war, wo mich – Überraschung! – eine Eule angefaucht hat. Eulen haben sehr große gruselige Augen und ich bin aus ein einer Höhe im niedrigen einstelligen Meterbereich gefallen, auf meinen bloßen Füßen gelandet und musste dann zum Auto getragen werden, was mir sehr peinlich war.

In Nablus bin ich dann herumgehumpelt und habe mich von älteren Bankerlsitzern trösten lassen. Außerdem habe ich Alessandra kennen gelernt, eine italienische Architektin, die auper Arabisch spricht und mit einem Architekten aus Nablus verheiratetet ist. Die beiden ziehen jetzt ein akademisches Zentrum in Nablus auf und unterstützen seinen Bruder B., der erst vor kurzem aus dem Gefängnis gekommen ist, nachdem er 2003 (glaube ich – nach und wegen der Intifada jedenfalls) festgenommen wurde. Auch er ist, wie M., vom Typ Kann-keiner-Fliege-was-zuleide-tun.

Damit will ich nicht sagen, dass er nichts getan hat. Aber ich denke doch, dass es unter anderen Umständen anders gekommen wäre.

Mittlerweile bin ich schon lange wieder in Wien, und der Platz hier reicht nicht aus, um auch nur die zwei Wochen in Palästina abzudecken. Es war mir ein Bedürfnis, darüber noch zu schreiben. Vielleicht kommt bald mehr (ich hoffe es), vielleicht auch nicht. Jedenfalls schaue ich manchmal in Google Streetview Amman an. Aber, um es wienerisch zu sagen: Wien ist eh auch schön.

Leaving, home, Amman

I love climbing and I do it quite a lot. Amman has a small but tight-knit climbing community that consists of Jordanians and Expats alike. A lot of people mingle and make new friends. They get attached to the special climbing atmosphere, the people, and the place. Some others, however, don’t.

Amman is a good place for expats. If you don’t feel like it, you never have to leave your bubble, you can just stay with your expat friends, go to expat bars, chat in your language and never bother with Arabic or the Arabs. To be fair, it’s easy to find Jordanian friends, and most people do. But, on the other hand, there are people who come here on assignments that last for a couple of years before they move on to another assignment, in a another country, living a different life, so they’d rather not develop feelings for this city. Well, they’re going to leave soon and attachment takes a lot of effort that might just not be worth their time. Getting attached and then leaving hurts. I know that because I am slowly detaching myself from Amman and its lovely Ammanis to go back to what feels like my real life, with all the beauty and bullshit that comes with it. Am I happy to go back? Yes. Am I sad to leave? More than I can say.

I know European families here who send their children to local schools while the parents work on local contracts and earn a local salary, but I also know families whose kids go to international schools, their friends are other expats and one or two Arabs to fulfill the quota, and they can’t be bothered with a language as hard as Arabic.

I can’t blame them. But I also find it impossible not to disagree with their lifestyle. Especially because I personally get very attached to places. Every time I have lived abroad I felt a crippling pain leaving the country again, although at the same time I was always happy to go back to the country where everything is easy for me, from reading people’s facial expressions to predicting their reaction to riding a bus to renting a flat.

Home for me is a place that exists in the physical world. Despite what my ideals of global citizenship are, it’s not the friends I can still talk to on Skype and that I therefore can take wherever I go. It’s the friends that are there when I call them and the friends that come over to my house. It is not a metaphorical understanding of home. It’s walking the streets and feeling I belong here. It’s people I see every day greeting me. It’s stopping by at the supermarket to pay yesterday’s bill because they knew I lived close by and didn’t have change. It’s knowing where I can get the best coffee and where I can get the cheapest coffee and where I can get coffee at 2am and who I can call to come pick me up when my car runs out of fuel on the way.

It’s not that I am able to somehow deal with an unexpected situation, it’s that unexpected situations are limited in the first place. Maybe that is a very conservative view on what home is. I understand that others will create that sense of security for themselves by working on their self-reliance, and others by never opening up to new places in the first place and therefore never leaving known terrain or the so-called comfort zone. But I feel that a new place never turns from the dark riddle it is to a place you move in with ease and call your home f you don’t go through all the little things and daily challenges – like not importing your favourite shampoo from home or not having mashed potatoes because apparently Jordanian potatoes are not made for mashing.

While of course you are responsible for making a place your home, you are not the only one contributing to that. Coming back to climbing, it is the people who I have literally come to trust with my life on the rock that will be the hardest to leave behind, because they are also trusting me with their life when high up on a cliff with nothing to keep you from falling but your own strength of muscles and mind, a rope and a belayer who is with you on the climb. It is that level of engagement with the people and place that have made Amman a place where I feel at home. It takes courage to do that and being at home and then leaving I feel my heart being torn apart. But I wouldn’t miss missing home for anything in the world.

You can listen to a tiny audio project I did about living abroad and being at home here:

Scharfes ß

Seit geraumer Zeit höre ich gerne Podcasts, über alles und jedes und jeden und alle. Verbrechen, Geschichte, Sex, das jordanische Parlament, Nachrichten, transalpine Beziehungen, Ärzte ohne Grenzen und Vaterschaft. In Amman wird eine Reihe guter Podcasts auf Arabisch produziert und einer davon hat es mir besonders angetan: „Eib“, übersetzt so viel wie „Schande“. Das Wort wird wie „Pfui“ verwendet. Eib, lass die Katze in Ruhe, Eib, zieh dir was Gscheites an, Eib, hau deinen kleinen Bruder nicht, und so weiter und so fort. Dieser Podcast beschäftigt sich mit Themen, die in Jordanien ein Tabu darstellen. Er erzählt von Frauen, die keine Kinder und vielleicht auch keinen Mann wollen, von der Beschneidung, von Homosexualität, von Abtreibung.

Mitte Mai war mein Arabischkurs zu Ende und wie jedes Mal, wenn etwas zu Ende geht, geht es nicht nur mit Pauken und Trompeten zu Ende, sondern auch mit Abschlusstests, -präsentationen und -projekten. Weil ich nicht besonders gut im Chillen bin, habe ich mir gedacht, mein Abschlussprojekt für den Hocharabischkurs muss innovativ, kritisch und wunderbar werden und natürlich muss meine Persönlichkeit dabei zur Geltung kommen. (Was dieser Persönlichkeitsentfaltungsfetisch soll, den meine Generation zu haben scheint, weiß ich zwar selbst nicht, ihm entziehen kann ich mich aber auch nicht.)

Also habe ich meinen Laptop geschnappt. Detail am Rande: Leichter gesagt als getan, der Laptop ist ein ziemlicher Dinosaurier – einer der Fehlkäufe, die ich erst korrigieren werde, wenn er mir unter den Fingern zerbröselt. Ich habe meine Kontaktdatenbank aka mein Handy nach Jordanierinnen und Jordaniern durchforscht, die Interessantes zum Thema gesellschaftliche Tabus und Podcasts von sich geben könnten. Dann habe ich ihnen eine Folge von „Eib“ geschickt, die sie sich anhören sollten.

In der Folge, die ich ausgewählt habe, geht es um Abtreibung. Diese Entscheidung habe ich einerseits getroffen, weil das Thema kontrovers ist, egal, wo man sich befindet, und augenscheinlich auch wieder aktuell, obwohl die Folge schon mehrere Jahre alt ist. Andererseits geht es um Dinge, die speziell Jordanien betreffen. Die Geschichte ist die (ich empfehle allen, sich das Original anzuhören, ist allerdings auf Arabisch): Eine junge Frau, Muslima, lernt einen jungen Mann kennen. Sie fühlen sich zueinander hingezogen und werden ein Paar. Die beiden gehen auch eine sexuelle Beziehung ein und die Frau wird ungewollt schwanger. ٍDadurch findet sie sich in einem ausweglosen Dilemma wieder. Ihr Partner ist Christ, somit ist es unmöglich, zu heiraten.* Ein uneheliches Kind zur Welt zu bringen, ist ebenfalls keine Option.

Auf sich allein gestellt, ohne die Möglichkeit, ihrer Familie etwas zu erzählen, treibt die junge Frau einen Arzt auf, der die Schwangerschaft bestätigt. Sie sieht ein Ultraschallbild ihres Kindes und hört seinen Herzschlag. Obwohl sie das Kind bekommen wollen würde, treibt sie es ein oder zwei Wochen später ab. Sie geht alleine ins Krankenhaus und wartet eine Stunde lang auf dem Operationstisch, rund um sie medizinische Gerätschaften und ein Poster, das den Ablauf der Abtreibung erklärt. Zu diesem Zeitpunkt ist sie dreieinhalb Monate schwanger. Nach der Prozedur geht sie nach Hause und spricht mit niemandem darüber, was mit ihr geschehen ist.

Ich habe diese Geschichte mittlerweile mindestens zehn Mal gehört. Sie nimmt mich immer noch jedes Mal mit. So ging es auch meinen Bekannten, die ich in langen Interviews nach ihrer Meinung gefragt habe. Nicht nur zu Abtreibung selbst, sondern auch dazu, ob ein Podcast wie dieser Einfluss auf die Gesellschaft nehmen kann und wenn ja, ob dieser Einfluss positiv oder negativ ist.

Interessanterweise waren sich alle einig, dass der Einfluss positiv sei, aber aus zwei völlig verschiedenen Gründen. Einerseits gab es die, die meine Erwartungen bestätigt haben; sie sagen, dass durch das Erzählen dieser Geschichte oder anderer Geschichten die Einsamkeit gemindert würde, die eine Person erlebt, wenn ihr etwas widerfährt, das gemeinhin als Tabu gilt, und dass die Gesellschaft über gewisse Themen reden müsse. Die anderen sagten, dass die Geschichte als Warnung für andere tauge. Wenn eine Muslima, die sich in einen Christen verliebt, wüsste, was sie erwartet, würde sie sich eines besseren besinnen. Alle, die so dachten, waren junge Frauen. Das hat mich lange nicht losgelassen.

Die Gruppe, die ich befragt habe, war ehrlich gesagt von außen betrachtet nicht sehr divers. Alle davon waren zumindest aus meinem weiteren Bekanntenkreis, alle hatten einen Universitätsabschluss oder studierten. Trotzdem gingen die Meinungen für mein Gefühl weiter auseinander, als ich das aus meinem homogenen Freundeskreis gewöhnt bin. (Die Blase, von der ich im letzten Beitrag schon gesprochen habe.)

Die Interviews habe ich aufgenommen und daraus meine eigene Podcastfolge gebastelt. Ein Podcast über Podcasts quasi. Tagelang bin ich am Küchentisch gesessen, habe Atmen und meine eigenen „Mhms“ weggeschnitten, die den Redefluss der Interviewten unterbrochen haben. Ich habe viel gelernt. Unter anderem, dass mein „S“ schrecklich pfeift.

Jedenfalls will ich euch Gundas wundervollen und vielleicht sogar halbwegs innovativen Podcast nicht vorenthalten. ِAuch wenn ich den Verdacht habe, dass von den Leuten, die diesen Blog lesen, genau 1 alles versteht – Like, Comment, Share oder so.

*Laut islamischem Recht dürfen Muslime Christinnen heiraten, Musliminnen aber keine Christen. Das hat damit zu tun, dass der Vater die Religion an die Kinder weitergibt.

Veritable Krisen

Grüße aus meinem liebsten nahöstlichen Despotenstaat, bei uns geht’s eigentlich ganz geordnet zu. Die Nachrichten, die mich aus der Alpenrepublik erreicht haben, haben nur zeitverzögert die Skandal-Rezeptoren meines Gehirns erreicht. Meine erste Reaktion war eher: Oh, schon wieder. Man gewöhnt sich auch an die Einzelfälle.

Am Samstag früh in der Früh war ich am Weg zu Sami’s Cliff, meinem Lieblings-Kletterspot. Es war ein herrlicher und sehr erfolgreicher Tag für uns Kletterer. Für andere wohl weniger. Am Heimweg, mit zerschundenen Händen und Knien, müde, glücklich, habe ich mir die Rücktrittsrede unseres blauen ewig jugendlich-leichtsinnigen Dauerhoffnungsträgers mit zerschlagenen staatsmännischen Ambitionen angeschaut und ein paar Tränchen für Philippa verdrückt.

Während sich der Ohrenkanzler erst dazu herabließ, zum Volke zu sprechen, als ich schon geduscht und zu Abend gegessen hatte, ging in der links-liberal-bürgerlichen Blase, in der auch ich durchs Universum schwebe, die Party schon los. Wie groß erst die Freude nach dem spektakulären Fall von Kickl, der all die sorgfältig installierten blauen Minister und Ministerinnen mitriss. Meine Skepsis war größer. Immerhin sitzt unser hellblauer Cowboy noch fest im Sattel und wischt sich jeglichen Dreck gekonnt von den Schultern des XS-Anzugs. (Apropos, kann bitte irgendwer dem Blümel sagen, dass ich seine Happy Socks nicht sehen will? Danke. Blümel, deine Hose ist zu Kurz.) Der Tenor ist: „Wieso soll jetzt auf einmal der Kurz schuld sein an der FPÖ?“

Lieber Ohrenkanzler, du kannst nicht hergehen, eine Koalition mit der FPÖ formen, einen Einzelfall nach dem anderen ignorieren und die Konsequenzen auf dem Altar des Koalitionsfriedens opfern, und dann sagen, du hast dir eh schon lange gedacht, dass die FPÖ ein bisserl Ding ist. Wer soll dir das abkaufen?

Wobei. Die Menschen, die am Ballhausplatz mit Sekt und in Remineszenz an das alte Wien oder die alten Wiener vielleicht mit Spritzwein angestoßen haben, haben Kurz nie gewählt. Der Rest aber kommentiert „Was kann der Basti denn dafür, dass er so schön ist?“ Als fräße alle Kritiker bloß der blanke Neid.

Aber was will er, der Basti? Pokert Kurz, der mit dem Versprechen, den rot-schwarzen Stillstand zu durchbrechen, seinen Aufstieg begonnen hat, auf eine absolute Mehrheit? Oder hat er einfach keine Ahnung mehr? Möglich, aber unwahrscheinlich. Es geht ja nicht um Krisenbewältigung, es geht darum, wer die schlagkräftigste Krisenkommunikationsstrategie aus dem Hut zaubern kann. Kurz kann vielleicht nicht Kanzler, aber Kommunikation kann er. Dabei nimmt er in Kauf, dass wir im September auf den totalsten Stillstand aller Zeiten zuschlittern. Mit der SPÖ kann er nicht und mit der FPÖ will er nicht, oder umgekehrt.

Was mich aber sogar aus der Ferne in den Wahnsinn treibt, ist die Arroganz, die durch die Im Zentrum – Debatte vom Sonntag sifft und die ich als stellvertretend für eine Sprechweise sehe und auch für die Art, wie Politik betrieben wird. Ich frage mich, ob das schon immer so war oder ob das neu ist? Maria Stern beschwört mit salbungsvoller Stimme die Euphorie am Ballhausplatz, leider fehlt ihr der Zusammenhang mit der Frage der Moderatorin. Rosenkranz und Blümel machen sich über Rendi-Wagner lustig, als wären wir auf einer Cocktailparty bei Peter Pilz und sie das Dummerchen, das das Bier nicht in den Kühlschrank gestellt hat. Ich fühle mich wie die Spaßbremse im Kindergarten, die mit dem Fuß aufstampft und schreit: „Jetzt tuts amal gscheid, das macht keinen Spaß so!“

Trotz Pessimismus werde ich im Sommer mein schönstes Lächeln aufsetzen und mich wahlwerbend beteiligen. Was tut man nicht alles, um aus dem schönen Land der Berge doch nicht dauerhaft auswandern zu müssen? Aus diesem Grund begleitet diesen Eintrag auch ein Bild, auf dem man den Eindruck bekommen könnte, es geht doch irgendwie aufwärts.

Für diesmal hat euch die „veritable Staatskrise“ (Rendi-Wagner) vor einigem verschont, unter anderem: 1. Ein Bericht darüber, dass ich jetzt Ferien habe und das süße Nichtstun genieße, also ein Bericht über das Nichts. 2. Werbung in eigener Sache, weil ich jetzt unter die Podcaster gehe. Das Produkt meiner Bemühungen hättet ihr euch natürlich anhören müssen, obwohl es auf Arabisch ist. 3. Ein Anfall von halbphilosophischen Bemühungen, mit dem Phänomen Ehrgeiz zurecht zu kommen.
All das kommt vielleicht noch. Mittlerweile hüte ich mich, in Bezug auf diesen Blog Versprechen zu äußern.

Ende Juni werde ich Kletterseil, Echsen, Gurt, Schuhe und ein paar andere, weniger wichtige Dinge wie meine Zahnbürste und meinen Laptop in viel zu viele Koffer packen, ein paar Souvenirs und Mitbringsel dazwischenstopfen, den Rest verschenken und mich auf den Rückweg nach Bananien machen. Gemischte Gefühle. Aber ich freue mich auf Spritzwein. Immerhin.

Endzeit

Die meisten meiner Hobbys sind eher kurzlebig. Das gilt besonders für Hobbys, die ich mir zeitweise als Beruf erträume. Ich kann mittlerweile ein bisschen jonglieren, aber für den Zirkus reicht mein Ehrgeiz wohl trotzdem nicht. Meine Liebe zur Fotografie hat bisher noch nicht gereicht, in eine Kamera zu investieren, sie ist also pures Hättiwari. Meine vernachlässigte musikalische Ader durchfließt nur bei jedem viertausendsten Schlag etwas Herzblut. Ich finde mich damit ab, dass ich in diesem Leben nicht mehr reich und berühmt werde (Sorry, Mama!). Deshalb bin ich gespannt, wie lange meine neueste Obsession anhält.

Ich höre sehr gerne Podcasts. Es gibt auch ein paar sehr schöne jordanische Podcasts auf Arabisch. Für mein Semesterprojekt habe ich da ein bisschen recherchiert. Und, Überraschung!, alle diese Podcasts werden von „Sawt“ produziert, also von einer einzigen Firma.

Coole Sache eigentlich. Aber natürlich gibt es immer ein paar Sachen, die man kritisch sehen kann. Zum Beispiel: Hören die Leute, über die diese Podcasts gemacht werden, diese auch an? Oder hören wir (der Westen, die Oberschicht, die Bourgeoisie, das Bildungsbürgertum, die Gutmenschen, etc.) gerne auf der Couch die tragischen Geschichten von Leuten und essen dabei Erdbeereis? Ganz viele Podcasts fallen mit Leichtigkeit in die Kategorie „NGO-Sachen“. Ich weiß gar nicht woher meine Allergie darauf kommt, aber für mich umweht solche Projekte schnell ein Hauch von IMM (Irgendwas Mit Medien), also vom Hipster-Spezialgebiet, also vom Weltverbessern durchs Bio-Avocado kaufen.

Außerdem: Podcasts sind ein bisschen wie Gedichte. Die meisten Schreiber sind auch Leser (Schreiberinnen, Leserinnen), und manchmal erreicht es den Punkt, wo die Schreiber die einzigen Leser sind. Willkommen in der Bubble! Anders als im Radio, wo man bekommt, was gerade durch den Äther geschossen wird, sucht man sich einen Podcast aus, was ein Stück weit voraussetzt, dass man danach gesucht hat. Man bekommt, wofür man von Vorneherein eine Schwäche hat.

Aber wahrscheinlich ist der Verdacht, dass ich da das Haar in der Audiosuppe suche, nicht ganz unrichtig.

E., der als Radiojournalist gearbeitet hat, hat mir jedenfalls die Nummer einer der Gründer von Sawt weitergegeben. Ich kann also für besagtes Semesterprojekt bei Sijal ein Interview mit ihm machen. Die Idee ist, Podcasts in Form eines Podcasts zu behandeln. Das heißt, ich will mich mit dem Thema Podcast kritisch auseinandersetzen, indem ich Leute befrage und diese Interviews dann aufnehme und selbst zu einem Podcast zusammenbastle. Für meine Begriffe ist das ohne Podcastproduktionvorkenntnisse ein großes Projekt.

Heute habe ich außerdem erfahren, dass wir zusätzlich zum Abschlussprojekt auch einen Abschlusstest haben. Die Reaktion meines Klassenkollegen auf meine Überraschung war nur „Ja, das ist richtige Uni“, der blöde Sack (Beep!). Die große Frage ist, wie ich meine Ambitionen für das Abschlussprojekt und den Test und meine Abschiedssentimentalität unter einen Hut bringen soll. Ich habe das Gefühl, alles geht zur Neige. Diese Neige impliziert eine gewissen Schieflage, oder ein Ungleichgewicht der Gefühle. Gestern habe ich meinen Flug nach Österreich gebucht. Alle haben Stress, weil das Semester zu Ende geht. Fast wie zu Hause. Ich suche nach Erasmusplätzen und Praktika, was mich wie immer furchtbar nervt, und dazu kommen irrationale Ängst davor, dass ich mit meinem richtigen Leben weitermachen muss, sobald meine Nase wieder Wiener Luft inhaliert. Die Luft in Amman riecht nach Endzeitstimmung. Vielleicht ist meine Vorliebe für große Worte schon aufgefallen. Es ist natürlich nicht das Ende der Zeit, sondern nur die Zeit, in der mein Aufenthalt endet.

Eigentlich wollte ich noch über Clay schreiben, ein furchtbar netter Mensch, der die letzte Zeit seinen Arabischkurs in einen Kochkurs verwandelt hat und immer das gesamte Institut bekocht hat. Manchmal gibt es sie, die Leute, die einfach lieb sind, ohne sich darum zu scheren, was die Auswirkungen davon sind, ohne dass sie dafür eine Gegenleistung erwarten. Außerdem wollte ich über ein Projekt schreiben, das seit langer Zeit in meinem Kopf nistet. Auch dieses Projekt ist ein Podcastprojekt. Ich möchte wissen, was Menschen zu dem macht, was sie sind – ob sie wegen ihrer Erfahrungen so sind, oder trotz ihrer Erfahrungen. Ich glaube, ich habe schon erwähnt, wie überrascht ich war über die Geschichten mancher meiner jordanischen Freunde. Das sind Studentinnen, Lehrer, Kletterer, kurz ganz normale Leute. Wenn man sich dann länger mit ihnen unterhält, stellt man fest, dass sie Dinge erlebt haben, die ich mir gar nicht vorstellen kann. Aber auch gerade Menschen, die ich oft sehe und gut kenne, meine Familie zum Beispiel, haben unerwartete und unerwartbare Geschichten. Oft habe ich keine Ahnung von den Menschen. Nie finde ich die Muße, sie Dinge zu fragen wie: Was macht dich glücklich? Was hast du als Kind gespielt? Kann sein, ein solches Projekt wird zusammenhanglose Gefühligkeit. Kann sein, es wird spannend.

Ansonsten komme ich im Moment meistens spät ins Bett. Das ist keine große Neuigkeit, aber ein stimmungsbestimmender Faktor in meinem Leben. Apropos Schlafmangel: Eine Geschichte, die ich von meinem Vater kenne (weil ich schon von Erinnerungen und prägenden Erlebnissen spreche), ist, dass er damals Pluderhosen auf die Schulbälle getragen hat. „Indienhosen“ nannte man die damals, und es war ein Zeichen von Rebellion, sie statt einer Anzughose zu tragen. Ich weiß auch, dass er am Tag nach einer langen Feier dann in die Schule gegangen ist – wer trinken kann, kann auch lernen. Im Prinzip ist mein Vater immer noch so, mit dem kleinen Unterschied, dass er kaum jemals mehr als ein Bier oder ein Gläschen Wein trinkt. Deshalb sitze ich auch jetzt im Garten bei Sijal, rattere schnell diesen Blogeintrag herunter und werde dann versuchen, so viel von meinen Hausaufgaben wie möglich zu machen, obwohl ich so so so viel lieber einfach schlafen würde. Die Genetik ist ein Hund, oder ist es die Erziehung?

Und Apropos Feiern, bald beginnt der Ramadan, vielleicht ist das eine gute Zeit für einen verspäteten Winterschlaf?

Was soll man machen, was kann man wissen…

Ich war krank. So richtig mit Fieber und Gliederschmerzen und Hundeelend. Seit heute geht’s mir besser und ich bin mit der Erkenntnis aufgewacht, dass ich jetzt nicht mehr überall die Jüngste bin und irgendwie noch keinen Job und keine Ahnung habe. Das ist einerseits kein schönes Gefühl. Andererseits ist es das Gefühl von mildem Chaos und optimistischem Fatalismus, in dem ich mich zuhause fühle. Wie die Araber und die Österreicher gleichermaßen sagen, aysh beddna na3mel, wos soi ma mochn? Und den Verdacht, dass ich den Gipfel der Ahnung nicht erreichen werde, hege ich schon länger.

Nachdem mir dieser Blog über weite Strecken das Tagebuch ersetzt hat, fehlt mir die Chronologie des Was-bisher-geschah, also zwischen dem letzten und diesem Eintrag. Ich werde mich deshalb auf anekdotische Berichte beschränken und bitte für Auslassungen um Verzeihung.

Ich habe den Newsletter von Gudrun Harrer abonniert. Er heißt „Orient-Express“ (naja) und ist wunderbar und sehr kurzweilig. Seither habe ich manchmal das nötige bruchstückhafte Wissen, um so zu tun, als könnte ich mitreden. Was ich ganz gerne tue, und wo ich mich ehrlicherweise manchmal hinter der Sprachbarriere verstecke, wenn ich mich auf wirklich weißes Land begeben habe.*

Außerdem habe ich erfahren, dass Gudrun Harrer die Tochter von Heinrich Harrer ist. Ich habe diese Information nicht überprüft, sie stammt aber aus zuverlässiger Quelle und ist zu wild, um erfunden zu sein.

Manchmal schäme ich mich jetzt halb heimlich für meine Bachelorarbeit, obwohl ich sie nach dem Schreiben nie wieder gelesen habe und folglich gar nicht mehr genau weiß, was drinsteht. Meiner Rekonstruktion aus dem Gedächtnis nach geht es um den Israel-Palästina-Konflikt und wie die Mediensprache ihn behandelt, anhand von Artikeln über die Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt Israels durch die USA und die Verlegung der US-Botschaft dorthin. (Das ist noch relativ sicher. Was aber das Ergebnis ist, müsste ich nachlesen, aber ich fürchte mich davor.)

Ich glaube, ich habe erwähnt, dass mir manchmal das Privileg vor Augen gehalten wird, in einer halbwegs gewaltfreien Gesellschaft aufgewachsen zu sein. Da ist es logisch und leicht, Pazifistin zu sein. Meiner Meinung nach wäre es mit meinem Hintergrund sogar befremdlich, auf Waffengewalt für die Verfolgung noch so hehrer Ziele zu setzen. Ausgehend von dieser Position verurteile ich Gewalt von israelischer wie von palästinensischer Seite und ich verurteile eine Sprache, die diese Gewalt entschuldigt, gutheißt oder normalisiert, und ich bin dagegen, das Leben der einen gegen das Leben der anderen aufzuwiegen.

Die Übermacht Israels und sein Bestehen auf einer Verfälschung der Geschichte zu seinen Gunsten und zuungunsten des palästinensischen Volkes ist Unrecht. Ich ziehe daraus nicht den Schluss, dass israelische Soldaten sterben sollten, weil ich nicht finde, dass irgendjemand durch Gewalt sterben sollte, und wenn es der größte Verbrecher auf Erden wäre – oder die größte Verbrecherin.**

Dann kommen Geschichten, die an meiner Überzeugung nagen, weil sie so klein und wirklich sind und so verständlich machen, woher die Wut kommt.

E. ist ein schlauer Kerl, der für eine große und sehr bekannte NGO arbeitet. E. hat kein Auto, weil er als Palästinenser in Jordanien keines besitzen darf. Als er klein war, wollte er gerne Klavier spielen lernen. Dann begann die Intifada und damit der Beschuss auf Nablus. Auf dem Weg, den er zur Musikschule nahm, starb jemand. Das war das Ende seines Klavierunterrichts. Seine Eltern bestanden außerdem darauf, dass E. fortan in eine Schule gehe, die näher an seinem Zuhause lag. Kann ich sagen, ich wünschte von ganzem Herzen, dass E. Klavier lernen hätte können und nicht auf diese beschissene Schule hätte gehen müssen, wenn ich gleichzeitig sage, sein latenter Hass auf Israel ist unberechtigt?

Manchmal denke ich, es ist gefährlich, zu schweigen, weil man nicht betroffen ist. Das macht die Debatte zu einer Debatte der Betroffenen (noch zu unterscheiden von einer Betroffenheitsdebatte). Aber gegen eine Erfahrung kann man andererseits nicht argumentieren.

Noch eine Anekdote zum selben Thema: Es kamen einmal zwei Israelis in eine Bar. In dieser Bar arbeiteten zwei meiner Freunde als Barkeeper. Die Israelis sprachen miteinander auf Hebräisch. Daraufhin verweigerten ihnen die Angestellten in dieser Bar geschlossen die Bedienung. Ich fand und finde das kindisch. Ja, Hebräisch ist eine belastete und hochgradig künstliche Sprache. Ich habe Leute kennen gelernt, die sagen, Hebräisch ist ihre Muttersprache, ihre Eltern sprechen aber beide Jiddisch und Polnisch.

Vielleicht bedeutet die Verwendung einer bestimmten Sprache für mich nichts. Vielleicht ist mir die Belastung einer bestimmten Sprache nicht bewusst. Wenn ich im Ausland mit jemandem unterwegs bin, der oder die Deutsch spricht, dann sprechen wir normalerweise Deutsch miteinander, obwohl es natürlich höflicher wäre, eine Sprache zu verwenden, die auch unser Umfeld versteht. Vielleicht muss man dazu sagen, dass diese beiden Freunde von mir sich keineswegs grundsätzlich weigern, mit Israelis zu reden, solange diese sich gegen die dominante Linie israelischer Politik stellen. Es ist keine originär ethnische Diskriminierung, die Provokation lag in genau dieser Szene: Zwei Israelis in Amman, die Hebräisch sprechen.

Ich weiß nicht, ob ich irgendwie richtig liege oder völlig im Dunkeln tappe mit meiner Einschätzung der Situation als kindisch, und ob mir ohne den kulturellen Hintergrund ein solche Einschätzung überhaupt gelingen kann, soll heißen: Ist es zu leicht, von meiner Position aus zu sagen, geht doch hin und macht sie darauf aufmerksam, dass hier mit hoher Wahrscheinlichkeit Palästinenser arbeiten, für die eure Sprache eine besondere Bedeutung hat und für die sich dadurch, dass ihr sie hier an diesem Ort verwendet, eure Besetzung ihrer Heimat ausdehnt? Ihr könnt nicht verlangen, dass euch jemand mit palästinensischem Hintergrund etwas bringt, wenn ihr nicht zu verstehen gebt, dass ihr in friedlicher Absicht kommt.

Ich wüsste gerne, ob es hier irgendetwas in Richtung richtig/falsch gibt, an dem man sich anhalten kann. Wenn ihr etwas wisst, sagt mir bescheid.

Was außerdem so passiert ist: Das Klettern macht Fortschritte, größere als das Arabisch. Oder zumindest spürbarere. Ich war wandern mit Übernachtung unter Sternen und es war so schön, dass ich jetzt manchmal denke, ich will nur mehr das machen: Berge und Täler und Pflanzen und Wasser sehen. Davon kann man zwar den Strom nicht zahlen, aber man braucht ja dann auch keinen Strom.

Meine beste Freundin L. war mich besuchen und ebenso J., den ich schon sehr herbeigesehnt hatte. Ich habe Reisepläne entworfen und Autos organisiert und mich zeitweise sehr erwachsen gefühlt. Es war schön, mehr vom Land zu sehen und die Dinge, die ich im letzten halben Jahr erlebt habe, zu teilen. Aber man kann nicht alles teilen und das Gefühl, das bleibt, ist: Für mein Leben hier in Amman bin ich alleine verantwortlich. Ein bestärkendes und beängstigendes Gefühl.

An Alltäglichem: Ich darf bis Ende Juni hier bleiben, mein Visum ist scheinbar durch.

 

*Hm, den Ausdruck gibt es nicht. Nachdem ich von arabischen Freunden immer geschimpft werde, wenn ich so etwas sage und ich dann behaupte, das sei Poesie, wollte ich euch wissen lassen: Ich weiß, es gibt kein weißes Land. Das ist der weißte Fleck auf der Landkarte, der sich über die reale Erde gebreitet hat. Das ist Poesie.

**Diese Woche ist in Zarqa ein kleines Mädchen ermordet worden. Der Täter war 17 Jahre alt und entgeht durch seine Minderjährigkeit voraussichtlich der Todesstrafe. Meine Lehrerin S. meinte darauf, Verbrechen an Kindern sind das einzige, für das sie persönlich eine Todesstrafe verlangen würde. Ich habe keine Kinder und ich bin gegen die Todesstrafe, aber ich kann sie verstehen.

Warten darauf, dass nichts passiert

Gestern habe ich vier Bier getrunken, weil ab einer gewissen Uhrzeit politische Debatten mehr als Kaffee brauchen. Heute bin ich trotzdem halbwegs früh aufgestanden. Ich versuche, mich langsam daran zu gewöhnen. Endlich ist es so weit, dass ich sagen kann: Bald fängt mein Arabisch-Intensivkurs an. In einer Woche nämlich, kurz nachdem Fe. und ich in unsere neue Wohnung gezogen sind. Big News! Unser Nest in Bobohausen.

Vor zwei Tagen waren wir bei Carrefour, einem französischen Alptraum von Supermarkt, in dem man neben Bodenwischgeräten auch zuckerlrosa Decken kaufen kann, von denen man nur hoffen kann, dass man darunter nicht friert. Moudy, der Hausmeister unseres neuen Hauses ist sehr freundlich und kümmert sich umgehend um Anliegen wie Türen, die nicht schließen, bringt einen Herd und einen Heizstrahler, der mit etwas betrieben wird, das „Kaz“ genannt wird.

Ich werde jetzt mein eigenes Bad haben. Zwei Szenarien sind möglich: Entweder es wird das schönste Privat-SPA, das ich je bewohnt habe, oder es wird ein versifft staubiges Bad, wo Haare und Seifenreste im Waschbecken hängen und wo ich in der Früh meine Katzenwäsche erledige, bevor ich mich zum Arabischkurs schleppe, ohne meine Hausübung erledigt zu haben. Die Dusche kann man schon lange nicht mehr benutzen, weil das Wasser nicht mehr abläuft und wenn sie nicht daheim ist, gehe ich auf Fe.s Klo, weil es da sauberer ist.

Lange Pausen befeuern mein Schwarz-Weiß-Denken. Eben zum Beispiel: Entweder unsere neue Wohnung wird ein rosa-goldenes kleines Biedermeierparadies, oder es wird eine verrauchte Höhle, in der sich des Nachts gegen Fe.s Willen dubiose langhaarige Menschen einfinden, um den Umsturz vorzubereiten. (Welcher Umsturz das sein soll, ist ja für Hobbytheoretiker bekanntlich zweitrangig.) Seit einem Monat bin ich im Standby-Modus. Ich warte darauf, bei Sijal anzufangen und habe meine Arbeit aufgegeben. Kurs, Praktikum und Deutschunterricht zusammen sind mir doch zu steil.

Also lese ich, was das Internet so hergibt und schaue mir dazwischen Videos philosophischer, sozialistischer, neurowissenschaftlicher oder auch weniger intellektueller Youtube-Kanäle an. In Wahrheit lande ich relativ oft bei „Die zehn lustigsten Tiere!“ oder „Diese Lifehacks werden dich begeistern!“.

Dazwischen denke ich darüber nach, was ich auf verschiedene Argumente von links erwidern kann. Obwohl oder weil mir näher, geht von links eine ordentlich verunsichernde Kraft aus. Was kann ich sagen zu dem Argument, dass wir fürchten, in der Revolution könnten Menschen sterben, während ohne die Revolution täglich Menschen sterben? Dass man ein Menschenleben nicht gegen ein anderes abwägen kann?

Wenn man hier wohnt, merkt man schnell, dass Jordanien ein großer Stützpunkt für NGOs ist. Wenn man als Expat keinen Weltverbessererjob hat, ist man fast schon die Ausnahme.

Wie repräsentativ die Meinung von Leuten ist, die sich in meinem direkten Umfeld bewegen, ist fraglich bis unwahrscheinlich. Aber es gibt Stimmen, die die Präsenz von NGOs verurteilen, weil sie den Status Quo fortsetzen, anstatt tatsächlicher Veränderung Raum zu geben. Sie geben den Leuten genug, um stillzuhalten und ihr Schicksal nicht selbst in die Hand zu nehmen und sie halten Jordaniens Wirtschaft abhängig von milden Gaben. Diese milden Gaben kommen zu einem Großteil aus den USA, Saudi-Arabien und Europa. Das bedeutet zum Beispiel, dass eine schärfere Linie Israel gegenüber politisch unmöglich ist. Das würden sich hier viele Menschen wünschen.

Ich möchte damit nicht sagen, dass ich dieser Ansicht zustimme. Aber ich habe in letzter Zeit ein bisschen darüber nachgedacht, wie sogenannte „gute Taten“ und Ideen wie „soziale Marktwirtschaft“ mit der Erhaltung eines nicht allzu schlechten, aber auch nicht allzu guten Zustandes zusammenhängen, der sich jedoch nie darum bemüht, letztlich eine Utopie zu verwirklichen, die man für tatsächlich „gut“ und nicht nur für „nicht so schlimm“ hält.

Im Sinne von: Wieso bringen wir im Bus Kameras an, die sexuelle Belästigung verhindern sollen, anstatt dass wir uns um eine Gesellschaft bemühen, die auf gegenseitigem Respekt aufgebaut ist? Warum bekämpfen wir Symptome anstatt Ursachen?

Die einfachste Antwort ist: Weil die große Revolution zu schwierig und zu gefährlich ist. Weil diese Art von Revolution schon oft genug übel schiefgegangen ist. Ich glaube, es gibt noch eine zweite Dimension. Ich glaube, dass das Warten auf die Utopie (Wer weißt, ob sie kommt? Und wer weiß, ob ich sie mag, wenn sie da ist?) eine andere Art ist, die Hände in den Schoß zu legen. Wartet man darauf, dass sich mit der Selbstabschaffung des Kapitalismus auch Gier und Egoismus abschaffen und damit alles, was uns Menschen trennt? Nur ist der Kapitalismus erfahrungsgemäß recht selbstabschaffungsresistent, weil sein Scheitern systemimmanent ist. Zweitens glaube ich zwar daran, dass der Mensch gut ist. Aber nicht daran, dass es eine natürliche Dynamik des Guten gibt – dass sich also alles zum Guten wendet, wenn man es nur lässt. Das haben die Kommunisten geglaubt, und das glaubt auch die neoliberale Wirtschaftstheorie. Ich glaube ihnen beiden nicht, dass ein allumfassender Lösungsansatz zwangsläufig zur allumfassenden Lösung führt.

Ich glaube, dass es unerlässlich ist, das kleine Übel zu bekämpfen. Damit meine ich nicht: Das kleine Übel zuerst. Oder: Ausschließlich das kleine Übel. Ich meine, auch das kleine Übel. Ich möchte nach der sozialistischen Weltrevolution keinen hören, der sagt: Ach, die Frauen, die haben wir ja ganz vergessen. Tja. Ach, Rassismus gibt’s immer noch. Hoppla. Klar, das kann einem überzeugten Kommunisten zufolge nie passieren. Aber der Glaube an den natürlichen Verlauf der Dinge hin zum Guten ist ein antiquiertes Konzept, dem ich nicht geschuldet haben will, sollte furchtbar schieflaufen, was als hoffnungsvolles Projekt begonnen hat. Oder sagen wir: als Utopie.